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14. Oktober 2016

Was bringen Neuübersetzungen?

Drei Übersetzer gaben Einblick in ihre Arbeit an Klassikern von Agatha Christie oder Jules Verne.

Die Buchhandlungen bieten sie in Mengen an: Neuübersetzungen von Klassikern sind beliebt, bei Verlagen wie beim Publikum. Aber sind sie auch literarisch notwendig? Eine Veranstaltung des Freiburger Literaturbüros und der Stadtbibliothek (zur Eröffnung einer Ausstellung dort) geriet jetzt zu einem Plädoyer für Neuübersetzungen – und, kundig moderiert vom Journalisten und Übersetzer Jürgen Reuß, zu einem launigen Werkstattbesuch bei drei Übersetzern.

Der Freiburger Michael Mundhenk hat von Agatha Christie, der berühmten Krimiautorin, "Alibi" neu übersetzt (für den Atlantik Verlag). Der aus Belgien stammende Detektiv Hercule Poirot habe in der alten Übersetzung, so Mundhenk, "schriftdeutschlastig" gesprochen, dabei rede er im Original ein "schräges, angelesenes Englisch" mit oft französischer Syntax. Was sich bei Mundhenk auf Deutsch so anhört, wenn Poirot sich wortreich entschuldigt: "Ich frage tausendmal um Pardon, Monsieur. Ich kann nichts zu meiner Verteidigung vorbringen."

Auch der Basler Ulrich Blumenbach hat einen Christie-Klassiker neu übersetzt: "16 Uhr 50 ab Paddington". Alle Figuren darin, allen voran Miss Marple, hätten ihren eigenen Ton, so Blumenbach, den habe er versucht zu erhalten. Im Gegensatz zu früheren Übersetzungen, in denen "das Farbige, das Polyphone" weggefallen sei. So würden Bücher "flach".

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Die Freiburgerin Maja Ueberle-Pfaff hat das berühmte "In 80 Tagen um die Welt" von Jules Verne neu übersetzt (für eine neu illustrierte Ausgabe). Und zwar in Gänze. Vernes umfangreiche Bücher, in denen er viel Faktenwissen seiner Zeit unterbrachte, wurden im Deutschen fast immer gekürzt. Ueberle-Pfaff hatte eine Ausgabe von "In 80 Tagen" dabei, die auf 60 Seiten "in einfacher Sprache" nur das Handlungsgerüst beinhaltet. "Das ganze Drumherum", so Ueberle-Pfaff, "die Technik, die Maßangaben", alles weg.

Ob sie denn vor ihrer Arbeit jeweils alte Übersetzungen läsen, wurden die drei gefragt. Vorher nicht, aber nachher, berichtete Blumenbach. Und so musste er feststellen, dass seine Neuübersetzung von Anthony Burgess’ "Clockwork Orange" eigentlich überflüssig war. Die einige Jahre zuvor erschienene, auch neue Übersetzung eines Kollegen sei "brillant". Bei seiner Christie-Übertragung fand Blumenbach in der alten Übersetzung, wie er berichtete, 27 Stellen, an denen diese besser gewesen sei, als das, was ihm eingefallen war. Die Stellen, da habe er keine Scheu, habe er einfach übernommen. Auch Mundhenk hat das so gehalten.

Ueberle-Pfaff bekam sogar mal von einem Verlag die strikte Vorgabe, etwas zu übernehmen. Als sie Antoine de Saint-Exuperys "Der kleine Prinz" neu übersetzte, sollten Sätze wie "Man sieht nur mit dem Herzen gut", die schon Sprichwörter sind, unbedingt bleiben. Aber wenigstens umstellen durfte sie den Satz zu "Nur mit dem Herzen sieht man gut", des Rhythmus wegen. Ein schönes Detail einer Neuübersetzung.

Ausstellung "In Freiburg übersetzt" in der Stadtbibliothek Freiburg, bis 29. Oktober.

Autor: Thomas Steiner