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28. März 2015

Wie einfach wird das Liebste genommen

Ulrike Almut Sandigs "Buch gegen das Verschwinden" ist eine Sammlung flüchtiger Verlässlichkeiten.

  1. - Foto: Almut Rauch

Einer ist am Ende wirklich verschwunden. Auf dem Rückweg einer Reise in den Schnee: unwirtliche Berge und Winter und ein verwunschener Wald, den es vielleicht gar nicht gibt. Und der trotzdem einen Namen hat: "Tamangur". Wie die Geschichte, in der der Wind wie ein Raubtier faucht und Menschen anfällt, die danach keiner mehr findet. Es ist das rätselhafteste und zugleich zwingendste Verschwinden in diesem Buch, in dem vielerlei plötzlich weg ist: Gegenstände, Dörfer, das Meer gleich zweimal. Und, natürlich, Menschen. "Wie einfach wird Herzen // das Liebste genommen...", heißt es in einem russischen Gedicht ("Der Kirchhof" von Wjatscheslaw Iwanow).

Genau diesen Tenor hat Ulrike Almut Sandig sich zu eigen gemacht: um zu verschwinden, schreibt sie, bedarf es keiner "großen Geste". Vor allem die Erzählung "Weit unter uns die flüssigen Felsen" durchzieht ein behutsamer Schmerz: Beinahe unmerklich hat der Tod bei Erika mit den ewig roten Wangen sein Werk versehen, und der alte Mann, den er zurücklässt, wird sich langsam und qualvoll darüber klar, wie elend allein er ist. Und er bereut bitter, "seiner Erika" nie ein Buch geschenkt zu haben, obwohl sie sich Zeit ihres Lebens ans Lesen regelrecht verloren hat. Wie sich in einer anderen Geschichte ein Mädchen in seinen unförmigen Pullovern verliert, um unter deren Schutz als Junge zutage treten zu können.

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Glück ist in dieser Sammlung flüchtiger Verlässlichkeiten ein seltenes Erz und das Lachen ein Fehler: Sobald er jemandem unterläuft, schlägt die Situation in etwas um, das eher zum Weinen ist. Oder zum Fürchten. "Mein Vater fand meine Geschichten immer traurig", behauptet ... ja wer eigentlich? Eine in der Titelerzählung plötzlich auftauchende Ich-Sagerin: Als habe die Autorin die Seiten gewechselt und berichte jetzt aus ihrem Leben, das durch die entsprechende Wahl der Wörter wiederum Literatur wird. Phantasie und Realität verzahnen sich außerordentlich kunstvoll, die Grenze dazwischen ist weder unverrückbar noch ein Ding von Dauer und verläuft oft außerhalb der Wahrnehmung. Es ist wie mit dem Mann und dem Schmetterling. Wer der Träumende ist und wer der Geträumte: alles eine Sache des Blickwinkels. Ulrike Almut Sandig wechselt ihren immer mal wieder, ist Beteiligte und Beobachterin, kommentiert das Geschehen und rückt zurecht, was sie eben noch bedingungslos umarmt hat: Das bringt Ironie ins Spiel, farbige Brechungen und Abstand. Der Begriff "Versuchsanordnung" kommt einem ziemlich früh in den Sinn. Als er später im Buch tatsächlich fällt, ist das wie eine Beglaubigung: das Gefühl, richtig zugehört zu haben. Und doch: all die schöne Technik, all das facettenreiche Relativieren ändern nichts daran, dass wir an vielen Stellen aufs wundersamste ergriffen sind.

Man spürt diesen Texten die Gedichte an, die Ulrike Almut Sandig geschrieben hat: das Bestreben, dem Wesen der Dinge poetisch auf den Grund zu gehen. Sie setzt die Worte in einer Weise, die Schwindel hervorlockt, Seufzen und Sehnsucht: als blätterten Finger unendlich sanft durch unser Herz wie durch die dichten Blüten einer Päonie.
– Ulrike Almut Sandig: Buch gegen das Verschwinden. Geschichten. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt 2015. 207 Seiten, 18,95 Euro.

Autor: Ingrid Mylo