Literatur

Yanagiharas Roman überwältigt den Leser

Annette Hoffmann

Von Annette Hoffmann

Sa, 11. März 2017 um 00:00 Uhr

Literatur & Vorträge

Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben" gibt sich nur vermeintlich mit wenig zufrieden – und überwältigt den Leser. Demnächst liest die Autorin daraus im Freiburger Theater.

Wenn Romane einen gewissen Umfang erreicht haben, dann wird die Lektüre zu einer eigenen Narration. Wie nahe sie ging, wie sich der Rückzug vom sozialen Leben angefühlt hat. Und um die 960 Seiten von Hanya Yanagiharas Roman "Ein wenig Leben" zu lesen, muss man sich absondern. Bereits das Cover suggeriert: Dieser Roman gibt uns keine Möglichkeit der Distanz, stattdessen die größte Not, die größte Freude, die intensivste Intimität. Es zeigt Peter Hujars Foto "Orgasmic Man", das das Gesicht eines Mannes auf der Schneide zwischen Lust und Schmerz zum Motiv hat. Seit der Roman der amerikanischen Autorin mit hawaiianisch-koreanischen Wurzeln 2015 in den USA erschienen ist, antworten ihr die Leser auf dem eigenen Instagramaccount mit Fotos von tätowierten Zitaten, Selfies mit dem Buch oder einem Leinenbeutel mit den Namen der vier Hauptfiguren Willem, Jude, Malcom und JB.

"Ein wenig Leben" begleitet die vier Freunde von ihrer Collegezeit gut 30 Jahre durch ihr Leben. Die vier haben damals zusammen in einem Zimmer gewohnt, dann sind sie gemeinsam nach New York gezogen, um nach kleinen Anlaufschwierigkeiten Karriere zu machen. Sie besuchen Partys bei Menschen, in deren Wohnungen Werke von Diane Arbus, Hilla und Bernd Becher sowie Andreas Gursky hängen. Sie werden selbst Kunst sammeln, Lofts in New York kaufen, Sommerhäuser haben. Sie haben unterschiedliche Hautfarben und lieben auf eine sehr entspannte Art Frauen und Männer. Und sie werden zur Geltung kommen. Jude St. Francis ist ein brillanter Anwalt, Willem Ragnarsson gelingt in seinen Dreißigern der Durchbruch als Schauspieler, Malcom Irvine entwirft Häuser, und der Maler JB Marion ist so etwas wie ein Chronist und Spiegel dieser ungewöhnlichen Männerfreundschaft, indem er seine Freunde über Jahrzehnte hinweg porträtiert.

Klingt eher nach einem Hochglanzmagazin als nach "wenig Leben"? Durchaus. Und wer an die coolen Posen einer Elizabeth Peyton denkt, die befreundete Prominente malt, liegt auch nicht ganz falsch. In einem Interview mit dem Guardian berichtet die 1974 geborene Yanagihara, die in New York als Redakteurin arbeitet, sie habe sich beim Schreiben eine Art Moodboard aus Fotos von Ryan McGinley, Diane Arbus, Nan Goldin und Bildern von Lee Lozano zusammengestellt. Über die Kunst vermitteln sich im Roman Stimmungen, Geschmackshaltungen und auch zeitliche Ereignisse.

Nicht zufällig jedoch beginnt und endet der Roman mit der Metamorphose des Alltags in eine Geschichte. So verwandeln Jude und Willem einen verpatzten Wohnungsbesichtigungstermin vor ihren Freunden in eine Komödie – und am Ende verspricht Jude seinem Adoptivvater Harold die Anekdote, wie er und Willem sich einmal aus der Wohnung ausschlossen und vom Dach sprangen. Diese Aneignung von Missgeschicken durch Erzählen ist nicht etwa wichtig, weil Yanagiharas Roman so experimentell wäre. "Ein wenig Leben" ist tatsächlich ziemlich konventionell erzählt – Berichte Harolds und Erinnerungsfragmente Judes schieben sich zwischen die Schilderungen des auktorialen Erzählers.

Ein Ausmaß an Gewalt und Einsamkeit

Es ist wichtig, weil der Roman um eine stumme Mitte kreist. Dieses Geheimnis ist die Vorgeschichte von Jude, mit der er abzuschließen glaubt, als er aufs College geht. Jude ist in geradezu monströsem Ausmaß Leid widerfahren. Er wurde von Mönchen als Findelkind neben einer Müllhalde gefunden, er wurde missbraucht, Opfer von Pädophilen, zur Prostitution gezwungen und zum Krüppel gefahren. Sex und jede Form von Intimität sind für ihn im Erwachsenenalter verloren. Es ist ein Ausmaß an Gewalt und Einsamkeit um die Figur des Jude, die an Charles Dickens erinnert.

Wenn "Ein wenig Leben" einen Plot hat, dann ist es dieses Martyrium, das nach und nach erst durch Andeutungen, dann durch Rückblenden ans Licht kommt. Es wird nur zwei Personen geben, denen Jude sich offenbart: seinem Freund und späteren Geliebten Willem und seinem Arzt. Es macht den Roman aus, dass Jude diese Vergangenheit verschleiert und versucht, ihr ein selbstbestimmtes Leben entgegenzusetzen. Der Roman steht unter der eigenartigen Dialektik, dass er an Umfang gewinnt, indem die eigentliche Hauptfigur sich weigert zu erzählen. Judes Versuche überdecken oft nur unzureichend die psychischen Beschädigungen. Jude ritzt sich, und dies ist umso perfider, als einer seiner Peiniger es ihm als Weg empfahl: der Scham und dem Schmerz des Missbrauchs durch die Scham und den Schmerz der Selbstverletzung zu entkommen.

Es scheint, als wettete die Autorin, die mit "Ein wenig Leben" ihren zweiten Roman geschrieben hat, auf ihren Helden so, wie Gott auf Hiob setzt. Dem Leid jedoch ist eine nicht minder herzzerreißende Liebe und Freundschaft gegenübergestellt. Es ist eine Familie, die auf Wahlverwandtschaften beruht. Die Freunde bleiben kinderlos. Jude wird von seinem früheren Professor und dessen Frau als Erwachsener adoptiert. Als Harold bei einem Spaziergang mit den Freunden und seiner Frau beobachtet, wie Willem dem gehbehinderten Jude einen Schnürsenkel bindet, ahnt er etwas von dem Wesen dieser Zuneigung. "Es war so fließend, nur eine kleine Geste: ein Schritt vor, ein kurzes Hinknien, ein Rückzug an ihre Seite. Für Dich war es gar nichts, Du dachtest nicht einmal darüber nach, Du unterbrachst nicht einmal das Gespräch. Du behieltest ihn immer im Auge (aber das tatet Ihr alle), Du kümmertest Dich auf ein Dutzend kleine Arten um ihn; all das sah ich in diesen paar Tagen –". In dieser großzügigen und bedingungslosen Annahme eines anderen beruht nicht zuletzt der Erfolg von Hanya Yanagiharas Roman. Man könnte auch sagen, sie markiert mit ihrem Buch eine Sehnsucht in Zeiten, in denen Familienbande loser werden.

Die großzügige Annahme eines anderen

Die an Kitsch grenzende Überwältigung des Lesers löst einen Zwiespalt aus. Hanya Yanagihara übertreibt, und sie übertreibt wissentlich. Sie enthistorisiert das Geschehen, indem sie Ereignisse der Zeitgeschichte weglässt, während die unbedingte Liebe und die ans Böse grenzende Grausamkeit dem Roman märchenhafte Züge verleihen. "Ein wenig Leben" bedient sich der Strategien der Kolportage und des Melodrams. Wie Judes Leidensgeschichte allmählich enthüllt wird, gleicht dem Cliffhanger-Prinzip von Serien – tatsächlich ist eine Verfilmung von "Ein wenig Leben" vorgesehen. Doch wie Hanya Yanagihara das Hellste und das Dunkelste zugleich heraufbeschwört: Das ist schlichtweg beeindruckend.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Stephan Kleiner. Verlag Hanser, Berlin 2017. 960 Seiten, 28 Euro.
Lesung: Die Autorin liest auf Einladung des Literaturbüros und des Carl-Schurz-Hauses in der Reihe "Seitenwechsel" am 15. März um 20 Uhr im Winterer-Foyer des Freiburger Theaters. Es moderiert Andreas Platthaus, den deutschen Text liest Doris Wolters.