Zerbröckelt Sprache wie Knäckebrot?

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Di, 07. Februar 2017

Literatur & Vorträge

Die in der Schweiz lebende Lyrikern Kathy Zarnegin hat mit "Chaya" ihren ersten Roman vorgelegt.

"Und weg war die Kindheit." 60 Seiten ist Kathy Zarnegins Roman "Chaya" alt, da schreibt die in Basel lebende Autorin mit iranischen Wurzeln diesen Satz. Er beschreibt präzise eine Zäsur im Leben ihrer Titelheldin Chaya, die im Alter von 14 Jahren von ihren Eltern zu Verwandten in die Schweiz geschickt wird, weil diese im Teheran der späten 1970er Jahre keine Zukunft für die Tochter erkennen können. Die Eltern, das weiß der Leser des Romans bereits, sind europaaffin. Der Vater spricht die Mutter im Krankenhaus, wo sie sich kennenlernen, auf Französisch an. Er kennt Paris, er liebt Italien. Und obwohl der Vater in Teheran bereits eine Frau und sechs Kinder hat, entscheidet er sich für ein zweites Leben mit einer zweiten Frau. Die beiden unternehmen eine Reise durch Europa, die zum Fixpunkt im Leben der späteren Eheleute wird – irgendwo zwischen Florenz und Rom wird Chaya gezeugt.

Nun also die Schweiz. Für das junge aufgeweckte Mädchen, das schon sehr früh Englisch gelernt hat, das Gedichte schreibt und das sich in die Vereinigten Staaten von Amerika sehnt, fühlt sich die Ankunft in der Schweiz an wie eine Mondlandung. "Als Europanautin hatte ich Herzklopfen und war mir sicher, dass es den Menschen in der Rakete, die sich mit aller Gewalt der Erdanziehungskraft entziehen, auch so ergeht. Ich entzog mich der Gravitationskraft meiner Vergangenheit." Chaya hat keine Wahl: Sie muss sich jetzt in dem neuen Land, in dem neuen Leben zurechtfinden. Allein. Von den Verwandten ist im Buch keine Rede, auch nicht von der Schule oder möglichen Integrationsschwierigkeiten. Erst als Chaya Philosophie studiert, trifft der Leser sie wieder.

Und was für eine erstaunliche junge Frau sie geworden ist! Chaya ist klug, belesen, reflektiert. Auch impulsiv und manchmal jähzornig. Ihr Liebhaber David ist wesentlich älter als sie, doch er tut ihr meist gut. Er bringt sie auch auf die Idee, eine Gedichtagentur zu gründen, mit dem Ziel, Lyrik bekannter zu machen. Nebenbei jobbt sie in einer Privatschule, in der der Inhaber ebenso wie ihr Vater zwei Frauen hat – eine geschiedene, die mit ihm die Schule leitet und eine aktuelle, die wie Chayas Mutter sehr viel jünger ist als der Herr Eisberg.

Wie viel von Kathy Zarnegins Biografie in ihrem ersten Roman steckt, wissen wir nicht. Die 1964 in Teheran Geborene kam wie Chaya mit 14 Jahren in die Schweiz. Sie studierte in Basel und Zürich Philosophie und Literaturwissenschaft und arbeitet als Lyrikerin, Publizistin und Übersetzerin. Ihr Buch nimmt sehr schnell gefangen. Das liegt natürlich an der fein beobachteten oder präzise erdachten Geschichte dieser jungen Frau. Aber vor allem auch an der sprachlichen Meisterschaft von Kathy Zarnegin. Ihre Sätze und die Sprachbilder scheinen immer haargenau zu passen, verbinden sich zu einer Romanmelodie, die beim Lesenden ein wohliges Gefühl evoziert. Die Dichterin hat ein sehr zartes Gespür für Worte und Sätze. Ihre Beschreibungen lösen häufig farbige Bilder im Kopf aus. So wie das Ballett des Herbstlaubs, das sie wie folgt beschreibt: "Eine kleine Gruppe von knittrigen Blättern hatte eine bewegliche Herde gegründet und schwebte wie ferngesteuert mal in die eine Richtung, mal in die andere, machte gelegentlich Pause, um sich gleich aufwirbeln zu lassen und ihr Duett mit dem unsichtbaren Wind fortzusetzen."

Sprache wird in diesem Buch nicht nur so geschrieben, dass sie fast wie gesprochen klingt, sie wird auch als eine ungeheure Kostbarkeit umworben. Die Muttersprache etwa, die Chaya mit ihrem Umzug in die Schweiz abzulegen gezwungen wird: "Was passiert mit einer Sprache, die wir nicht mehr sprechen, die aus uns nicht mehr heraus kann und die nicht mehr zu uns spricht? Setzt sie Staub an wie Bücher, die man in einem Regal stehen lässt und nicht mehr anfasst? Kann man sie Jahre später mit einem Staubfänger entstauben, und steht sie dann wieder im alten Glanz zu unseren Diensten? Und was macht sie in uns, wenn sie nicht mehr gesprochen wird? Schrumpft sie? Zerbröckelt sie wie Knäckebrot?"

Kathy Zarnegin gibt ihrer Leserschaft mit diesem Buch eine Botschaft mit. Sie lautet: Lest und sprecht!

Kathy Zarnegin: Chaya. Roman. Weissbooks Verlag, Frankfurt 2017. 244 Seiten, 20 Euro.
Lesung: Die Autorin liest am heutigen Dienstag, 7. Februar, um 19 Uhr im Literaturhaus Basel aus ihrem Roman.