Wenn Kunst in Dialog mit der Kunst tritt

ks

Von ks

Do, 25. Juni 2015

Löffingen

Der Kunstverein Löffingen hat mit der Ausstellung von Bernhard Kucken aufsehenerregende Kunst nach Löffingen geholt.

LÖFFINGEN. Die zweite Kunstausstellung des Löffinger Kunstvereins in diesem Jahr ist vielleicht die bemerkenswerteste, die der Verein überhaupt organisiert hat. Ganz sicher war die Vernissage zu "ankucken" mit Plastiken, Gemälden und Druckgrafiken von Bernhard Kucken aber einer der interessantesten Ausstellungseröffnungen, die es in Löffingen gab.

Dazu trugen viele Faktoren bei. Zum einen spielt das Werk Kuckens mit Verweisen, in denen intelligent ein Dialog mit der Kunst- und Geistesgeschichte eröffnet wird. Da taucht die Idee des "Narrenschiffes" wieder auf, ähneln die Teilnehmer eines "Betriebsausflugs" altägyptischen Fayumporträts. Gestalten der griechischen Mythologie wie "Lachesis und Atropos" gesellen sich hinzu. Und schließlich reicht der Blick in "Hausaufgabe Steinzeit" zurück bis ins Paläolithikum. Wobei eben nicht nur Werke wie die Venus von Willendorf zitiert werden, sondern auch noch alle Rückgriffe der Moderne auf die Steinzeitkunst wie die Niki de Saint Phalle mitgelesen werden können. Aber auch die Stars des modernen Kunstmarktes kommen ins Spiel. "Jörg und Affe" erinnert an Jörg Immendorff, den früheren Kollegen Kuckens an der Düsseldorfer Kunstakademie.

Die Einführungsrede der Vernissage hielt die Vorsitzende des Löffinger Kunstvereins, Brigitte Leber, sie erschloss auch noch die Verweise, die zu entschlüsseln ein freudvolles Rätselspiel sein kann. An der Vernissage als Gesamtkunstwerk hatte auch die Ehefrau Kuckens Anteil, Susanne Hille, Sängerin und Performancekünstlerin. Sie scheint ebenfalls eine Liebe für lange Verweisketten zu haben. So sang sie die "Juwelenarie" aus Gounods "Faust". Und auch sie ging kreativ mit den Zitaten um, so bearbeitete sie bei der Musik Valentin Rathgebers den Text hin auf die Ausstellung ihres Mannes. Singend durchschritt sie die Ausstellung, wobei die Gounod-Arie als Ausdruck weiblicher Eitelkeit unter den Mumien des "Betriebsausflug" natürlich eine ganz eigene Kontur gewann.

Der Zitierweise Kuckens haftet nichts Epigonenhaftes an. Überzeugend wird seine Auseinandersetzung mit Kunst gerade dann, wenn sie den ideologischen Anteil entlarvt. Besonders treffsicher gelingt dies in Werken, die sich mit der Freiheit auseinandersetzen. Zwei Kunstikonen der Freiheitsidee werden in der Ausstellung aufgegriffen, die Freiheitsstatue in New York und Eugène Delacroixs Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" als Hommage an die Julirevolution von 1830.

In dieser Momentaufnahme des Barrikadenkampfes gibt es keinen Anführer der sich erhebenden Volksmassen. Vielmehr führt bei Delacroix die allegorische Figur der Freiheit die Kämpfer an. Das moralische Urteil des Künstlers über den Aufstand ist damit festgelegt. Kucken verdoppelt die Figuren der Freiheit und des sie begleitenden Mannes mit dem Zylinder.

Freiheit als ideologischer Begriff

Dadurch entsteht der Effekt, dass "sich zwei Freiheiten begegnen und, wie es scheint, bekämpfen", wie Leber bemerkte. Leber deutete dies im Blick auf die Kehr- und Schattenseiten von Revolutionen. Im Sinne Michel Foucaults könnte man das Freiheitsbild aber noch radikaler interpretieren: Im Kampf um Macht sind Begriffe wie "Gerechtigkeit" und "Freiheit" immer ideologische. Jede Seite wird sie in Anspruch nehmen. Der Künstler kann von der Freiheitsidee nicht lassen. In "Argüsse" stapelt er kleine Büsten, die von vielen Augenpaaren bedeckt sind. Da drängt sich die Frage auf, wer heute die Rolle des überwachenden und freiheitsbedrohenden Argos übernommen hat.

Im besten Sinne kritisch zeigt sich Kucken schließlich auch in seiner Auseinandersetzung mit dem modernen Kunstmarkt. "Für B.S. (Kunst = Kapital)" ist einer Schülerin von Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie gewidmet, Beatrix Sassen. Kucken legt dabei die Ambivalenz der auf dem Kunstmarkt arrivierten Künstler offen, die sich in solchen Formeln wie "Kunst = Kapital" als moralische Gutmenschen gebärden, selbst aber daran gut verdienen. Zu "Jörg und Affe" konnte sich Brigitte Leber deshalb auch den treffenden Hinweis nicht verkneifen, dass am 18. Juni 50 Bronzeaffen Immendorffs für über 800 000 Euro versteigert wurden.

Wenn Kucken derart gegen die Doppelbödigkeit mancher Kollegen protestiert, wird auf einmal die Preisliste zur Ausstellung selbst zum Teil der Ausstellung im Sinne einer Performance. Und siehe da: Kucken selbst zeigt sich moderat, seine Preise sind angesichts der überragenden Qualität der Ausstellung eigentlich zu niedrig. Die Nagelprobe ist bestanden.

Öffnungszeiten: Die Werke von Bernhard Kucken sind wochentags in der Tourist-Information von 9 bis 12 und 14 bis 17 Uhr, sowie sonntags von 11 bis 13 und 15 bis 17 Uhr zugänglich. Mittwochnachmittag bleibt die Ausstellung geschlossen.