Alemannisch für Fortgeschrittene

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Mo, 06. August 2018

Lörrach

Der preisgekrönte Lyriker Markus Manfred Jung las beim Seniorensommer Geschichten von früher und Texte von heute.

LÖRRACH. "Alemannisch für Anfänger und Fortgeschrittene" klingt wie ein Sprachkurs der Volkshochschule, doch im Hebelsaal des Lörracher Dreiländermuseums las Manfred Markus Jung vor den Teilnehmern des Seniorensommers Geschichten von früher und Texte von heute.

Als habe es den Dichter gebraucht, der mit seiner Sprache dem alemannischen Selbstverständnis wieder etwas auf die Sprünge geholfen hat. Als nach einer halben Stunde Manfred Markus Jung eine kurze Pause einlegte, war die Geräuschkulisse bei Gugelhupf und Apfelschorle deutlich alemannischer als vor der Veranstaltung. Vielleicht haben die Alemannen zu Beginn auch einfach nur geschwiegen.

Einst habe er zur Generation der jungen alemannischen Dichter gehört, erzählt Manfred Markus Jung. Jetzt, ganz frisch im Ruhestand, gehöre er immer noch dazu und warte auf die jüngste Generation der alemannischen Dichter, sagt der Lyriker aus Hohenegg im Kleinen Wiesental. So liest er jetzt aus seinen Büchern der 1990er Jahre, als die Rückbesinnung auf die Regionalsprache als Zeichen eines neuen lokalen Selbstbewusstseins gedeutet wurde.

Die "Himmlischi Unterhaltig" ist 1995 erschienen. Im gleichnamigen Gedicht geht es ums Treffen dreier Dreilandbewohner im Himmel, die alle die gleiche Sprache reden, sich aber nicht trauen, sie zu benutzen. Diese Rudolfs sind tot, und Manfred Markus Jung hatte damals geglaubt, den Menschen fehle nur der Mut, sich der eigenen Sprache zu bedienen; dann würde alles gut und die Menschen würden sich auch über die Grenzen hinaus verstehen.

Manfred Markus Jung geht aber auch mit den Alemannen-Chauvinisten ins Gericht. Im satirischen Porträt eines Stammtischbruders bricht sich dieser Südbaden-Patriotismus ungehindert seine Bahn. Dass das nicht gut ausgeht, versteht sich. Doch meist liest Manfred Markus "Weisch no?"-Geschichten. Geschichten von früher, als er in Zell lebte oder später in Lörrach-Stetten. Fürs Publikum des Seniorensommers hat er noch genügend solcher Geschichten auf Lager. Zum Beispiel, wie Mutter und Vater zusammen auf ein Fest gehen, oder vielmehr, wie sie sich richten, um auf dieses Fest zu gehen. Wesentliches habe sich seit damals nicht geändert, sagt er. Gut, die Männer wissen sich heutzutage anzuziehen, da braucht es keine Ehefrau mehr, die dem Gatten "d‘Hose un s‘Hem zum Aalege anelegt."

Markus Manfred Jung ist ein Wörtersammler, der die fast vergessenen Wörter wieder ins Bewusstsein holt. Aalege für Anziehen zum Beispiel, anehure für hinkauern. Selbst Dialektsprecher benutzen diese heute kaum noch. Da muss man im Alemannischen schon fortgeschritten sein, um diese noch zu kennen.

Kunstwerke jenseits von Moris und Botschamber

Der Lyriker schreibt nicht nur von früher, vom Großwerden im ländlichen Raum, vom Verschwinden der Dinge und Wörter. Jung hat mit seiner Sprache auch Kunstwerke jenseits von Botschamber (Nachttopf) und Moris (Angst) geschaffen.

Die Rabenkrähe liebt er besonders; er findet sie überall, egal, wo er hingeht. Das Gedicht über den Totenvogel mit seinen verfranselten Flügeln ist weit entfernt von aller Muettersprooch-Glückseligkeit. Um so schöner, wenn Manfred Markus Jung es mit seiner zurückgenommenen, leicht heiseren Sprache vorträgt.