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26. April 2016

Billiges Geld riecht nach Krise

Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon informierte über die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank.

  1. Wolfgang Dietz, André Marker, Georg Fahrenschon und Armin Schuster (von links) bei der Diskussion über die Niedrigzinspolitik der EZB. Foto: Mink

LÖRRACH. Sie freut den Häuslebauer und den Investor, aber ärgert die Sparer: die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Langfristig kann diese Politik aber Schaden anrichten, nicht zuletzt bei den Altersvorsorgen. Darauf ging Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon bei seinem Besuch in Lörrach ein.

"Niedrigzinsen und kein Ende" lautete der Titel der Veranstaltung, die auf Initiative des CDU-Bundestagsabgeordneten Armin Schuster im nahezu vollbesetzten Sparkassenforum stattfand. Eingeladen hatte er Georg Fahrenschon, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes, früherer Bundestagsabgeordneter und bayrischer Finanzminister.

Seit der Finanzkrise 2008, sagte Fahrenschon, haben sich die vier größten Volkswirtschaften der EU unterschiedlich entwickelt. Großbritannien ist geschwächt, weil das Mutterland der Industrie keine Industrie mehr hat, nur noch den Finanzmarkt. Andere Branchen sind unterentwickelt, einen Mittelstand gibt es kaum. Frankreich hat eine Vielfalt von Branchen, ist aber sehr zentralistisch. Das Potenzial der Regionen werde von Paris mit Absicht liegen gelassen, sagte er. Italien hat mit Mailand und anderen nördlichen Städten Wirtschaftszentren, es fehlt aber eine funktionierende Verwaltung.

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"In Deutschland gibt es ein Zusammenspiel von einem guten Branchenmix und einer klugen und breiten Mischung, was die Unternehmensgrößen angeht", sagte Fahrenschon. Er lobte das System aus Sparkassen und Volksbanken, die den Handwerkern 95 Prozent ihrer Kredite bereitstellen. Alle Geschäfts-, Auslands- und Online-Banken tun das zusammen nur zu fünf Prozent, weil sie es aus der Ferne gar nicht richtig können.

"Sparkassen wurde gegründet, um Vorsorge und Nachhaltigkeit zu unterstützen und Sparer zu belohnen", sagte Fahrenschon. Deshalb müssen sie ihre Einlagen gut verzinsen und das wird in der Niedrigzinswelt zum Problem. Die EZB kauft den Mitgliedsstaaten damit Zeit, was aber dazu führt, dass sie in ihrem Reformeifer gebremst werden. In dieser Sackgasse müsse man jetzt langsam umdrehen und zurücksetzen, denn die Nebenwirkungen sind, dass Lebensversicherungen, Altersvorsorge und auch Stiftungen so nicht mehr funktionieren. Die Hälfte der Menschen unter 30 habe bereits das Sparen eingestellt, aber trotzdem den Anspruch im Alter mindestens so gut wie ihre Eltern dazustehen. Man müsse aber mehr sparen, um den Ausfall zu kompensieren.

"Das billige Geld trägt den Geruch der Krise in sich. Wenn mir Kreditangebote nachgetragen werden, denke ich, da stimmt was nicht", sagte Fahrenschon. Er sieht auch die Gefahr einer neuen Finanzmarktblase, wenn nämlich in zehn Jahren die Zinsen wieder normal sind und die Leute die Kredite, die sie heute zu niedrigen Zinsen aufnehmen, nicht mehr abzahlen können.

Auch die Sozialkassen leiden unter den niedrigen Zinsen. "Die Probleme, die wir hätten, wenn wir den Euro nicht hätten, will ich mir aber gar nicht erst ausmalen", sagte Fahrenschon. Das könne man an der Schweiz sehen, die unter der Währungsungleichheit stark leidet. "Wir haben 300 Millionen Konsumenten auf einem Markt, der von Währungsausschlägen völlig befreit ist", sagte er. Die Politik müsse nun ein klares Signal setzen, dass sich Sparen lohnt, indem sie vermögenswirksame Leistungen und Wertpapiere fördere, sagte Georg Fahrenschon.

Die Themen Währungssicherheit und Sicherheit von Spareinlagen wühle die Menschen auf, stellte Armin Schuster fest. Provozierend fragte er: "Ist die EZB eine ’Bad Bank’?". Das verneinte Fahrenschon, meinte aber, die EZB sei damit überfordert, Notenbank und zugleich Aufseher von 123 systemrelevanten Großbanken in der EU zu sein.

Die Gefahr einer Inflation sieht Fahrenschon nicht und wies darauf hin, dass der billige Euro Exporte aus dem Euro-Raum hinaus begünstigt. Er sieht aber auch keine Deflation, obwohl der "unvorstellbar niedrige Ölpreis" auch andere Preise nach unten drückt.

Er geht von einem stärkeren Wachstum als die prognostizierten 1,5 Prozent aus, da der niedrige Euro-Wechselkurs, der niedrige Energiepreis und die Flüchtlings-Zuwanderung, die wie ein kleines Konjunkturprogramm wirkt, die deutsche Wirtschaft stärken.

Autor: Thomas Loisl Mink