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24. Oktober 2012

Blick über den vollen Teller hinaus

Symposium des Netzwerkes Lörrach diskutiert die kritischen Aspekte westlichen Überflusses / Mit dabei: das Hungerprojekt.

  1. Kulinarische Köstlichkeiten von Sternekoch Raimar Pilz mit regionalen und ethisch vertretbaren Zutaten. Foto: Gabriele Reinhardt

  2. Mechthild Frey, Hungerprojekt, beim Projekttag Foto: Gabriele Reinhardt

LÖRRACH. Ein Symposium des "Netzwerkes Lörrach" diskutierte im Rahmen des stätischen Kulturprojektes "Mahlzeit" kürzlich die kritischen Aspekte unseres westlichen Überflusses und dessen ökologischen Konsequenzen für die Natur. Dabei ging es unter anderem um den Blick auf die chronische Unterernährung und den Hungertod in vielen Gegenden der Welt.

Mechthild Frey vom Hungerprojekt stellte in ihrem Vortrag: "Was hat chronische Unterernährung mit Geschlechtergerechtigkeit zu tun?" dar, dass der Großteil der Menschheit nicht unter Hungersnot leide (etwa in Folge von Kriegen, Dürre, Überschwemmungen), sondern zu 92 Prozent an chronischer Unterernährung durch Trinkwasserknappheit, geschwächtes Immunsystem und medizinische Unterversorgung. Besonders betroffen seien in Asien Frauen und Mädchen. Ihre untergeordnete Stellung in der Gesellschaft, so Frey, führe dazu, dass Mädchen unerwünscht seien und zum Teil abgetrieben würden. Auch bei der Ernährung der Kinder würden Mädchen benachteiligt. Zwischen 15 und 19 Jahren ist die häufigste Todesursache bei Frauen die einer Geburt. Oft sind die Frauen viel zu jung, unterernährt oder krank. Den Zusammenhang zwischen dem Wohlergehen einer Gesellschaft und der Stellung der Frauen formulierte schon der indische Politiker Nehru als er sagte: "Wenn ich Ihnen sagen soll, wie es um eine Nation steht – sagen Sie mir welche Stellung die Frau hat!"

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Nach diesem Leitsatz arbeite das Hungerprojekt weltweit. In Indien unterstützt die Hilfsorganisation die Demokratisierungsbewegung. Schon seit 1993 wurde in Indien beschlossen, ein Drittel aller Panchayats (Gemeinderäte) mit Frauen zu besetzten. Das Hungerprojekt unterstützt diese Bestrebungen der Regierung durch Fortbildung der Frauen in Workshops. Wenn sie in ein Panchayat gewählt sind, ist es den Frauen dann möglich, in ihren Dörfern lebenswichtige Projekte in die Wege zu leiten, wie Brunnen- und Latrinenbau oder die Versorgung mit Lehrern zu verbessern, berichtete Mechthild Frey. 80 000 Frauen seien seit 2001 in Indien vom Hungerprojekt ausgebildet worden und so eine nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, besonders in den Dörfern erzielt worden.

Regional und ethisch vertretbar: Essen für den gestressten Europäer

Wer nach diesen Informationen über die Arbeit des Hungerprojektes selbst Hungergefühle entwickelte, konnte am Mittagsbuffet zu den ausgetüftelten Kreationen des Sternekochs Raimar Pilz von der Fuchshöhle, Bad Säckingen greifen. Da wurde "Nature Food", "Mood Food" und "Brain Food" in Kleinstmengen gereicht. Zum Beispiel: "Grünkernsalat mit confierten Tomaten, Kirschtomatenserum und souvidiertem Jurakaninchen." Regionale und ethisch vertretbare Zutaten, die dem gestressten Europäer zu Wohlergehen verhelfen. Das war ein hochgenüsslicher Spagat zu den Konfliktfeldern der Welternäherung.

Das Symposion des Netzwerks Lörrach in der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) wurde von einem Zusammenschluss verschiedener Gruppen aus den Bereichen Umweltschutz, Kultur und Gesellschaftspolitik bestritten.

An dem Symposium nahmen im Einzelnen teil: Das Hungerprojekt, der Bund für Umwelt und Naturschutz, Attac, Vertreter des Dreyeckers, Greenpeace Lörrach, der Weltladen, Helios Terra und die Gärtnerei Berg in Binzen, die Landfrauen Lörrach und der Naturheilverein.

Getagt wurde unter dem Titel "Essen – was müssen wir alles schlucken?", um den Blick über den gefüllten Teller in die Realität chronischer Unterernährung und Hungertod zu wagen.

Tipp: Das Hungerprojekt präsentiert sich am 25. November beim Kunst und Handwerkermarkt im Alten Wasserwerk, Lörrach.

Autor: Gabriele Reinhardt