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17. Februar 2011

Braune Obrigkeit bemächtigt sich der Fasnacht

Die nationalsozialistischen Machthaber nehmen in den 1930er Jahren die Fasnacht für sich ein / Organisierte Fasnacht entsteht auch in Lörrach mit Hilfe der Obrigkeit.

  1. Ehrentribüne auf dem Balkon des Hotels Binoth beim Narrentag 1938 in Lörrach: „Wir marschieren mit!“; über dem Transparent mit erhobener Hand Obergildenmeister Johann Maier-Muser Foto:  Archiv Narrengilde Lörrach

LÖRRACH. Das große Narrentreffen zum 75-jährigen Bestehen der Narrengilde Lörrach ist vorbei. Sie gehört zu den Gründungsmitgliedern des Verbandes Oberrheinischer Narrenzünfte, der bereits 1938 in Lörrach einen Narrentag veranstaltet hat. Dass der Beginn der organisierten Fasnacht in das Jahr 1936 fällt, in die Zeit des Dritten Reiches, ist kein Zufall. In Lörrach ist der Ausgangspunkt ein Treffen des damaligen Bürgermeisters Reinhard Boos (NSDAP) beim Friseur Johann Maier-Muser, dem eine große Nähe zu den Machthabern nachgesagt wurde.

Auch in Freiburg und einigen anderen Orten setzte Mitte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts die organisierte Fasnacht ein, auf Anreiz und mit Unterstützung der nationalsozialistischen Machthaber. Beim Freiburger Zunftabend am 17. November 1934 wurde festgestellt, dass es "Wunsch und Wille unserer nationalsozialistischen Regierung ist, altes Volks- und Brauchtum zu erhalten, zu pflegen und es da, wo es ... in Vergessenheit geriet, wieder aufleben zu lassen", wie Berthold Hamelmann in seinem Buch "Helau und Heil Hitler" berichtet.

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Auch in Lörrach geschah der Beginn der organisierten Fasnacht mit Unterstützung der Obrigkeit. Friseurobermeister Johann Maier-Muser war es, der am 11. November 1935 am Bahnhofhotel Weniger die Fasnacht ausrief und als Vorsitzender des im Januar 1936 gegründeten Elferrats den ersten Fasnachtsumzug maßgeblich mitorganisierte. Der nationalsozialistische Bürgermeister Reinhard Boos reklamierte später in einer Darstellung für das Stadtarchiv für sich, den Anstoß gegeben zu haben. Boos war auch Schirmherr der Fasnacht 1936.

Ursprünge der Fasnacht sind christlich, nicht heidnisch

Das NS-Regime versuchte indessen, die Fasnacht für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Sie sollte den Bogen schlagen zum "wiedererstandenen deutschen Volk germanischen Stammes" und die Leute ablenken von der Politik. Ab 1936 ging das NS-Regime dazu über, aktiv in die Fasnacht hineinzuwirken, wie Werner Mezger, Volkskundler an der Universität Freiburg, in seinem "Großen Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnet" feststellt. Der Freiburger Schriftsteller Hermann Eris Busse sowie einige Volkskundler stilisierten Fasnacht zum heidnischen Winteraustreibungs- und Fruchtbarkeitskult um, in dem angeblich die Riten germanischer Männerbünde fortleben sollten. Das entbehrt indessen jeder Grundlage, wie die heutige Brauchforschung betont, zumal sich Fasnacht im späten Mittelalter im gesamten Einflussbereich der römischen Kirche entwickelt hat und vielfältige Symbole tradiert, die christlichen Ursprungs sind, wie Mezger in "Narrenidee und Fastnachtsbrauch" nachweist.

Indes waren die NS-Machthaber klug genug, die Fasnacht nicht zu stark zu instrumentalisieren, und die Fasnächtler ließen sich auch nicht allzu sehr hineinreden. So blieb Fasnacht laut Hamelmann weitgehend frei von Hakenkreuz-Symbolik, im Gegensatz zu anderen Festen und Umzügen wurden die Straßen nicht beflaggt, und für die NS-Jugendorganisationen galt während der Fasnacht ein Uniformverbot.

Narrenverse sind an der Zensur vorbeigerutscht

Gleichwohl fürchteten die Machthaber Kritik und Verunglimpfung der Obrigkeit durch die Narren. Nicht ganz zu Unrecht, wie ein Vorfall am "Schmutzige Dunschtig" 1937 zeigt. In der Schnitzelbank der Lörracher Zundel wurde erzählt, Bürgermeister Boos habe manche Nacht im "Judencasino", seiner früheren Stammbeiz zugebracht. Die von Professor Gustav Moehring verfassten Verse sind offenbar an der Zensur vorbeigerutscht. Auch über das von den "Brombacher Hirscheköpf" ausgespielte Thema der Eingemeindung (1936 wurden Tüllingen und Tumringen nach Lörrach eingemeindet) sei Boos erbost gewesen, so dass er für die Verbrennung des "Müpfi" am Fasnachtsdienstag auf dem Engelplatz die Beleuchtung verweigerte. Über diese Vorgänge schrieb sogar die Basler "Nationalzeitung", wie der frühere Stadtarchivar Hans Hoog und Hamelmann übereinstimmend berichten.

Der Streit zwischen Boos und Narrenzunft wurde bald beigelegt, und am 12. und 13. Februar 1938 konnte in Lörrach der 1. Oberrheinische Narrentag stattfinden, "ein für Lörrach wirklich großartiges Ereignis", wie Hans Hoog schreibt.

Autor: Thomas Loisl Mink