Den Sprachschatz poetisch erweitern

Barbara Ruda

Von Barbara Ruda

Sa, 05. Januar 2019

Lörrach

Anne Seubert, die in Lörrach aufgewachsen ist, schafft in konzentrierter Form Gedichte – jetzt gibt es das gedruckt.

LÖRRACH. Schon früh hat Anne Seubert aus Brombach, gegenwärtig in Berlin lebend, zu schreiben begonnen. Tatsächlich schon als Grundschülerin, wie sie sich erinnert. 1991, als sie elf Jahre jung war, wurde ein Leserbrief von ihr in der Badischen Zeitung abgedruckt zum damaligen US-Präsidenten George Bush und dem Irak-Krieg. Heute verfasst die Kulturwissenschaftlerin Einwortgedicht, die sie mit eigenen Fotos veröffentlicht.

Neben ihrer Beschäftigung mit Texten und dem Schreiben hat Anne Seubert die Stadtbibliothek, damals noch in der Nansenstraße, mit hohen Stapeln von Büchern verlassen und sie verschlungen. Einen Riesenschatz an Worten hat sie sich auf diese Weise angeeignet. Seitdem betätigt sich die Kulturwissenschaftlerin als anarchistische Wortschatzerweiterin.

Am konzentriertesten tut sie das mit ihren Einwortgedichten, die sie seit fünf Jahren unter dem Hashtag "motdujour" (Wort des Tages) auf Facebook veröffentlicht – zunächst nur den Text, später kamen ihre Fotografien dazu. "Das ist eine heikle Geschichte", meint Anne Seubert. "Das Bild darf das Wort nicht eindimensional machen. Ein schmaler Grad... Doch gelingt das Zusammenfinden, entsteht eine poetische Kraft." Die Fotografie entdeckt hat sie während zweier Erasmus-Auslandssemester in Portugal. Mit ihrem kulturwissenschaftlichen Hintergrund erkannte sie dort Muster, etwa auf den maurisch beeinflussten Fliesen oder Türknäufen, und hielt diese im Bild fest.

Damals übersetzte ihr Professor ein paar ihrer lyrischen Texte ins Portugiesische. Gemeinsam gingen die beiden auf Lesereise durch Portugal. Wie die Autorin und Künstlerin feststellte, bot sich diese Sprache mit ihrer Poesie und Zartheit für das philosophische Schreiben an. Das versuchte sie in ihre Muttersprache zu übertragen. Als Beispiel nennt sie den Ausdruck "barriga da perna", also "Bauch des Beins", wie die Portugiesen die Wade bezeichnen.

Tatsächlich sind ihre Texte sehr dicht, aus dem poetischen Bild lebend, wie man es von Hilde Domin kennt. Während andere Geschichten erzählen, ist Seubert ein großer Fan des Moments, den sie gerne in allen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten entfaltet. Lange habe sie sich an Paul Celan abgearbeitet, erzählt sie und verweist auf dessen Begriffswelten, mit denen sich der Autor die Berge erschlossen hat. Zwar sei seine Lyrik sehr düster, doch habe er auch wundervolle Liebesgedichte geschrieben. Dass sie seit frühester Kindheit mit Krankheiten konfrontiert wurde – seit 1985 ist sie Diabetikerin, es folgten weitere Autoimmunerkrankungen – rief bei ihr eine starke Selbstbeobachtung hervor und die stetige Beschäftigung mit der eigenen Leibhaftigkeit. Selbstverständlich floss das in ihre Texte ein. Das gab ihnen eine sinnliche Richtung, sicherlich ein Ausdruck ihrer Sehnsucht nach Lebendigkeit.

Nach einer Zusammenarbeit mit einem malenden Künstler, einer großen Ausstellung ihrer Fotografien zum Thema "Urbane Romantik" und im vergangenen Jahr einer Lyrik-Lesung zusammen mit einem anderen Poeten hat Anne Seubert im Dezember erstmals einige ihrer bebilderten mot du jour in gedruckter Form herausgebracht: "Landstreichler", "Herzschlagseite", "Herpsssst!", um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Was zunächst als besondere Visitenkarte gedacht war, kam so gut an, dass die Künstlerin bald ein Set mit Motiven im Kästchen folgen ließ. Jetzt fühlt sie sich nicht nur reif dafür, sondern auch reich beschenkt, dass sie so viel mit Sprache und sogar nur mit einem Wort ausdrücken kann. Und sie sieht selbst, dass ihre Texte, weil sie Sinnlichkeit und Haptik haben, einfach auf Papier gehören – als Manifestation, mittels derer ihre Dichte eine andere Qualität bekommt. So fragil, wie sie sind, passen sie eigentlich nicht ins Internet. Ohne Blatt vor dem Mund kann man auch sagen, dort werfe die Autorin "Perlen vor die Säue".

Die Frage, ob sie um ihre Texte ringe, beantwortet die Poetin mit einem klaren Nein. Es sei eher so, als bewege sie vorsichtig einen Kiesel im Mund, beschreibt sie den Prozess: "Vorne spüre ich ein Britzeln, dann mischt sich ein bitterer Geschmack dazu, hinten kommt die Chilischärfe oder auch mal ein Schmunzeln." Mit ihrer Lust an neuen Ebenen bricht sie gerne die Erwartungen des Lesers. Auch wenn sie aktuell als Unternehmensberaterin beruflich sehr gefordert ist, schreibt sie. Nach fast zehn Jahren hat sie aber kürzlich ihren Blog als Kekstesterin, den die BZ einmal vorstellte, eingestellt.

Wortlaute, Bildmomente und Randnotizen von Anne Seubert unter http://www.wortlaute.de