Die Berichte über Verdun sind ein sensationeller Fund

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Sa, 07. Juli 2018

Lörrach

Der Geschichtsverein Markgräflerland stellt seinen neuen Jahresband vor / Blick auf die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

LÖRRACH. Zur Zeitenwende 1918/19 war Lörrach ein Schmelztiegel. Der neue Jahresband des Geschichtsvereins Markgräflerland behandelt im Schwerpunkt die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und reicht weit über die historische Markgrafschaft hinaus. Der Vereinsvorsitzende Hubert Bernnat stellte den Band und seine Autoren in den Räumen der Buchhandlung Kastl vor.

Das Interesse daran war groß. Nicht nur die Autoren waren zur Premiere des aktuellen Bands gekommen. Viele lokalgeschichtlich Interessierte machten dem Geschichtsverein ihre Aufwartung. Parallel zur Ausstellung im Dreiländermuseum beleuchtet der aktuelle Band die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Der lokalhistorische Blick zeigt die großen Verwerfungen der Zeit auch im Mikrokosmos Lörrachs. "Die Zeit nach 1918 wurde lange Zeit nur als Zeit vor dem Nationalsozialismus gesehen, sie barg auch viele Neuerungen und Chancen, die es wert sind, beachtet zu werden", sagte Hubert Bernnat, der mit zwei Artikeln im Jahresband 2018 vertreten ist.

Ein aktive Friedensbewegung ist zwischen 1912 und 1932 im Dreiländereck entstanden. So würdigt Hubert Bernnat den Sozialistenkongress im Basler Münster im Jahre 1912 mit seiner Losung "Krieg dem Kriege im Namen der Unglücklichen!" Er zeigt die pazifistische Grundüberzeugung des Basler Münsterpfarrers Leonhard Ragaz und seiner Frau der Frauenrechtlerin Clara Ragaz-Nadig. In Baden durften die Frauen zum ersten Mal wählen, auch das war eine Folge der großen Zeitenwende nach 1918, wie Hubert Bernnat erklärt.

Den Expressionismus in der Kunst gab es zwar schon länger, Hermann Scherer aus Rümmingen und August Babberger aus Hausen sind expressionistische Künstler der Region, die in Basel beziehungsweise in Karlsruhe zu Ruhm gelangten. Zumindest bis in die Nazizeit, dann galten sie als entartet.

Ein sensationeller Fund sind die Berichte aus Verdun von Friedrich Kuhn. Sein Enkel Michael Kuhn-Sonnenfroh fand sie per Zufall auf dem Speicher des Hauses in Tüllingen. "Verdun überlebt zu haben, hat sein weiteres Leben bestimmt", sagt Michael Kuhn-Sonnenfroh über seinen Großvater.

Als Folge der Schlacht von Verdun, bei der hunderttausende Soldaten starben, engagierte sich Friedrich Kuhn in der aufgekommenen Friedensbewegung, trat in die SPD ein, war im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sein pazifistisches Engagement fort, jetzt war ihm die Deutsch-Französische Aussöhnung ein Anliegen.

Ulrich Tromm erinnert, wie in der Ausstellung im Landratsamt an die Fluchthelfer über die Grenze zur Schweiz, als Menschen in Lörrach, Weil am Rhein und Grenzach, auch Friedrich Kuhn, Verfolgten zur Flucht in die Schweiz verhalfen. Eine Zeitenwende anderer Art, im vergangenen Jahr ein großes Thema, war das Zeitalter der Reformation. Zu den vielen Reformatoren am Oberrhein und in der Schweiz nahm Axel Hüttner, Pfarrer im Ruhestand den Inzlinger Reformator Franz Kolb in den Fokus. Der Mann aus Inzlingen schaffte es bis Bern, Wertheim und Nürnberg.

Jan Merk, Museumsleiter des Markgräfler Museums in Müllheim, weist mit seiner Abhandlung über die Geschichte Müllheims von der Jahrhundertwende bis zur Weimarer Republik auf den Jahresband 2019 hin. Der thematisiert dann wieder einen speziellen Ort, eben die ehemalige Kreisstadt Müllheim.