Die Kunst, im Boden zu versinken

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mo, 02. Januar 2017

Lörrach

Bodecker & Neander zum Jahresausklang im Burghof / Meisterschüler des großen Marcel Marceau.

LÖRRACH. Keiner versteht es vergnüglicher im Boden zu versinken als Bodecker & Neander. Selbstverständlich beherrscht das Berliner Pantomimen-Duo diese Kunst auch in umgekehrter Richtung. Im aktuellen Programm "Das Beste aus 20 Jahren", mit dem die beiden den Jahreswechsel im Lörracher Burghof einläuteten, tauchen sie eingangs im Frack aus einem unbestimmten Bühnennichts auf und scheinen in Richtung Publikum zu wachsen. Dieselbe Sequenz wird nachher für alle, die es vorher verpasst haben, noch einmal zurückgespult. Da verlieren die Mimen wieder an Höhe und verschwinden gen Horizont. Nein, das ist kein Film, das sieht nur so aus.

Das Spiel um alles scheinbare Kleiner- und Größerwerden, um die Bewegung, die nicht vom Fleck kommt und alle dazugehörige Mimik und Gestik der Extreme beherrschen die Marcel-Marceau-Schüler, die zuletzt vor noch nicht ganz einem Jahr in Lörrach waren, in unüberbietbarer Perfektion. Die Wahl-Berliner, die sich an Marceaus "Ecole internationale de Mimodrame de Paris" kennengelernt und später mit dem Meister zusammen auf der Bühne gestanden haben, sind seit Jahren weltweit im Duo unterwegs. Weil ihr visuelles Theater ganz ohne Sprache auskommt, gibt es auch kaum Grenzen des Verstehens. Passgenau eingespielte Musik und Töne vom aufgeschreckten Hüsteln bis zum machtvollen Löwengebrüll kommen dagegen ebenso zum Einsatz wie Zauberei und schwarzes Theater, das etwa die Requisiten ihren Schabernack mit dem "Zauberlehrling" treiben lässt.

Bilderwelten, die keine Sprache brauchen

In ihrem Best-of-Rückblick schlagen Bodecker & Neander ihren Bildwelten-Fächer weit auf und sind mal Geiger und Sänger, mal Maler und Modell, mal Dompteur und Gehilfe. Alexander Neander schickt als der Mann im Tigercape erst den etwas verschüchterten Wolfram von Bodecker vor, die Bestie, die es zu dressieren gilt, herbeizuschaffen. Das muss selbstverständlich schiefgehen, auch wenn es sich hier sichtlich um weniger als einen Papiertiger handelt. Also ergreift doch der Dompteur die Initiative und gibt die Bestie, die durch den Reifen springen soll, der Einfachheit halber und mit wirklich fürchterlicher Grimasse gleich selbst. Zu den absoluten Topnummern gehört auch das "Caféhaus", in dem eine kaum mehr als zwei Meter breite hüfthohe Wand auf der Bühnenmitte aller Illusion die Hand reicht. Geht es doch hinter der Sichtschranke unablässig auf und ab bis hin zur absoluten Glanznummer, der Rolltreppe, auf der die beiden Mimen einer nach dem anderen, den Kopf noch ins Publikum gewandt, rucklos gleitend im Boden verschwinden.

Das Kunststück war zu schön, um es nur einmal gesehen zu haben. Also kommt die Treppe in "Berlin Alexanderplatz" einmal mehr. Die Rollen sind wieder neu verteilt. Alexander Neander gibt jetzt den digital verstöpselten Youngster, das Handy immer im Blick, während sein Partner sich in eine alte Dame mit Koffer verwandelt hat. Die nervt den Jungen gehörig, bis er mit sehenswert durchgängig um mehrere Ecken gewundener Geste den passenden Bahnsteig weist und die Dame am Ende auch in den richtigen Zug setzt. Auch wenn sich manche Bilder wiederholen und etwa der Dompteur und die Männer-WG, in der sich zwei Studenten um Fußball und Fernsehprogramm streiten, schon im Januar in Lörrach zu sehen waren, läuft vieles ebenso außer Konkurrenz wie die alljährliche Miss Sophie.

Zu den besten Nummern zählt auch "Wahre Virtuosen". Ein Geiger will da ein ums andere Mal zum Spiel ansetzen, während sein singender Partner noch nicht bereit ist. Nach einigen kurz Gekippten verliert er das Gleichgewicht und stolpert mit furchtbar knackendem Geräusch ins Instrument. Da kann nur helfen, sich ein Neues zu denken – bei Pantomimen verlangt es schon das Metier, dass erst die gedachte Geige den allerbesten Klang liefert. Andererseits wäre ein solches Ende auch zu simpel. Ein bisschen um die Ecke gedacht wird immer, also hat auch der Sänger seine Stimme wiedergefunden, mehr eine Art Notengehüstel allerdings. Zusammen mit der imaginären Geige ergibt das jedoch einen wunderbaren Klang.