Die Vergangenheit ist noch nicht vorbei

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Mo, 20. November 2017

Lörrach

Bei einem Gespräch über den Film "Wir sind Juden aus Breslau" geht es auch um aktuelle Themen.

LÖRRACH. "Hitler war das Monster aller Monster. Er hasste Juden, er hasste Ausländer." Der 88-jährige Abraham Ascher sagt dies zu Jugendlichen aus Bremen und Wroclaw/Breslau auf dem Balkon eines Hotels in Wroclaw. Als Achtjähriger hatte er den Auftritt Adolf Hitlers im damaligen Breslau erlebt. Der Film "Wir sind Juden aus Breslau" porträtiert 14 Überlebende der Shoah, die alle in Breslau geboren und aufgewachsen sind. Nach der Vorführung im Union-Kino sprach die Regisseurin Karin Kaper mit den Besuchern über den Film.

"Wir wussten, wir hatten nicht mehr viel Zeit." Eineinhalb Jahre hatten Karin Kaper und Dirk Szuszies, um diesen Film zu machen, der in Breslau, Israel, New York, Washington, Boston London und Südfrankreich gedreht wurde. Die damaligen Kinder sind heute hochbetagte Menschen, und Fritz Stern, bekannter US-Historiker aus New York, ist vor der Premiere des Films im November 2016 in Wroclaw, in New York gestorben.

Wroclaw, so zeigt es der Film, ist heute eine moderne Stadt mit einem restaurierten historischen Kern. Mittendrin die Storch Synagoge ist ebenfalls aufs Schönste restauriert. In der Synagoge wird Jiddisch zwar nicht gesprochen, aber doch gesungen. Die einst drittgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland hat heute rund 350 Mitglieder. Die Stadt hat ihren Namen geändert, doch auch ihre "Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen", wie Karin Kaper sagt. Zwar ist für die vierzehn Porträtierten das Leben in Breslau ausgelöscht, doch die heutigen Bewohner der Stadt haben ihr Erbe angetreten. Den Jahrestag der Pogrome begehen sie als Tag der gegenseitigen Achtung. Man könnte vom zarten Neubeginn sprechen.

Doch rechtsextreme Nationalisten nutzten, wie aktuell auch, den drei Tage späteren polnischen Nationalfeiertag zum Aufmarsch und Verbrennen eine jüdische Puppe. Auch das zeigt der Film. Er endet sogar damit, so dass das Wiedererstarken des Rechtsextremismus in Europa den Schlusspunkt setzt. Dabei soll der Film den damaligen Menschen in Breslau ein Denkmal setzen, den vielen, die ermordet wurden und den wenigen, die überleben konnten.

In Lörrach dreht sich das Gespräch mit der Regisseurin nicht um die Lebensleistung der Porträtierten, um die vielfältigen Arten des Neubeginns, sondern um den Aufstieg des Nationalismus nicht nur in Polen. Karin Kaper erzählt von Begegnungen mit Schülern, die sie in stundenlange Diskussionen verwickelt hätten. Ein allgemeines Desinteresse der Jugendlichen an Politik und Geschichte kann sie nicht feststellen. Für eine Hauptschullehrerin im Publikum ist der Lehrplan zu eng getaktet, um dem Nationalsozialismus den Raum zu geben, den er bräuchte. Wo die Verbindung zu den heutigen Flüchtlingen sei, fragte jemand. Auch damals war der Familiennachzug übrigens nicht einfach.

Vorführungen: In den kommenden zwei Wochen kann der Film auch für Schulklassen zu Unterrichtszeiten gezeigt werden. Nächste Vorführung: Sonntag, 26. November um 17:30 Uhr.