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23. September 2016

"Er tötet aus Hunger"

BZ-INTERVIEWmit Michael Schott, der heute im Kreiskrankenhaus über Wölfe in Deutschland spricht.

  1. Nur aus Pappe: Michael Schott mit Wölfen in Lörrach Foto: Felix Lieschke

LÖRRACH. Drei Wölfe wurden nach langer Zeit wieder in Baden-Württemberg gesichtet; zwei davon tot – vom Auto überfahren, einer vermutlich verletzt. Michael Schott engagiert sich dafür, das Bild des Tieres in der Öffentlichkeit gerade zu rücken, weg von der bösen Fabelfigur, hin zum wildlebenden Gegengewicht im deutschen Wald. Felix Lieschke sprach mit ihm über seine Arbeit und die Vorurteile, die dem Tier immer noch anhaften.

BZ: Herr Schott, was schätzen Sie, wie viele Wölfe leben wieder in Deutschland?
Schott: In Deutschland sind es etwa 40 Rudel, etwa 400 Wölfe, das war Stand im April. Der Großteil der Tiere lebt in der Lausitz, mittlerweile wandern sie aber auch in den Norden bis Schleswig-Holstein.

BZ: Im Vergleich zu anderen geschützten Tierarten wie dem Luchs zum Beispiel, wo steht der Wolf heute?
Schott: In Deutschland gibt es zurzeit mehr Wölfe als Luchse. Das liegt aber auch daran, dass der Luchs im Gegensatz zum Wolf ein Einzelgänger ist und wieder angesiedelt werden muss. Der Wolf dagegen ist ein Rudeltier, welches von ganz alleine nach Deutschland zurückgekommen ist. Die Anzahl der Wölfe wird in den nächsten Jahren noch steigen, aber irgendwann stabil sein. Seit der Ausrottung der Wölfe um 1850 tauchten immer wieder Wölfe, die aus dem Osten zuwanderten, in Deutschland auf. Diese wurden jedoch verfolgt und zur Strecke gebracht. Mit der Wiedervereinigung 1990 wurde der Wolf in gesamt Deutschland unter Schutz gestellt. Heute genießt der Wolf in Deutschland den größtmöglichen Schutzstatus.

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BZ: Kann man denn jetzt schon wieder von einer Wolfspopulation im Schwarzwald sprechen?
Schott: Nein, das kann man nicht. Es gibt zwar Rudel in der Umgebung, neben der Schweiz zum Beispiel auch in den Vogesen. Im Schwarzwald waren es bisher allerdings nur Einzeltiere. Es ist eine Frage der Zeit, wann sich das erste Rudel im Schwarzwald niederlässt.

BZ: Sie halten Vorträge, waren letzte Woche auf der Badenmesse Freiburg und versuchen so, das schlechte Bild des Wolfs zu verbessern. Wie stehen Ihnen die Menschen gegenüber?
Schott: Das ist ganz unterschiedlich. Der größte Teil der Bevölkerung ist dem Wolf positiv gesinnt. Ich bekomme manchmal aber auch die Ängste zu spüren. Auf mich selbst haben die Tiere seit frühester Kindheit eine große Anziehungskraft ausgeübt.

BZ: Die Angst, dass der Wolf dem Menschen zu nahe kommt, wie jüngst, als ein Wolf erschossen werden musste – was denken Sie darüber?
Schott: Ich denke, es gibt genug Platz in Deutschland. Das Tier ist sehr anpassungsfähig. Wölfe meiden zwar den Menschen, sie meiden aber nicht menschliche Strukturen. Er mag vielleicht in die Nähe von Siedlungen kommen, aber er würde sich nie dem Menschen nähern. Wenn er es doch tut, dann ist das ein von Menschen gemachtes Problem. Als MT-6, besser bekannt als "Kurti", erschossen werden musste, war das, weil Menschen ihn angefüttert haben.

Menschen müssen ein paar Schäden in Kauf nehmen
BZ: Bewusst angefüttert?
Schott: Das kann man nicht sagen, aber es geht darum, dass grundsätzlich ein Bewusstsein geschaffen werden muss, dass Wildtiere nicht angefüttert werden. Das ist allgemein schlecht und sollte verboten werden.

BZ: Die größte Angst besteht auf Seiten der Nutzviehhalter, ein Wolf könne sich an ihrem Vieh zu schaffen machen. Ist das gerechtfertigt?
Schott: Ja, die Angst ist berechtigt. Die am meisten betroffene Bevölkerungsgruppe sind die Schafhalter. Für eine Weideviehhaltung kann der Wolf durchaus Probleme verursachen, aber nicht wegen seiner Mordlust oder gar im Blutrausch; er tötet aus Hunger. Man muss aber wissen, dass der Wolf nicht zwischen Wildtieren und Nutztieren unterscheiden kann. Bevorzugt ernährt sich der Wolf in Deutschland von den drei Schalenwildarten Reh, Hirsch und Schwarzwild. Er bevorzugt in erster Linie jedoch alte, kranke oder verletzte Tiere. Es gibt Aufnahmen, bei denen sich Rudel gezielt auf ein Tier konzentriert haben; erst im Nachhinein haben Forscher erkannt, dass die getöteten Tiere krank waren – für das bloße Auge des Menschen war das nicht erkennbar.

BZ: Wie viel Schaden ist denn in den vergangenen 20 Jahren durch den Wolf entstanden?
Schott: Aktuelle Zahlen kann ich Ihnen zurzeit nicht nennen. Im Jahr 2012 gab es trotz gestiegener Wolfszahlen relativ wenig Übergriffe auf Schafe. In der Wolfsregion Lausitz gibt es Zahlen vom März 2012. In Sachsen wurden 48 Schadensfälle an Nutztieren gemeldet; in 21 Fällen wurde der Wolf als Verursacher festgestellt beziehungsweise konnte nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Es gibt jedoch auch Vorfälle, bei denen Schafe gar nicht oder nur ungenügend geschützt wurden oder bei denen Schafe von freilaufenden Hunden gerissen wurden. Der Wolf lebt nicht vom Nutzvieh, 95 Prozent seiner Nahrung stammen von Wildtieren und davon haben wir genug im Wald.

BZ: Wie kann sich dann ein Landwirt dagegen schützen?
Schott: An ein Pferd, ein Rind oder eine Kuh wird ein Wolf eher nicht rangehen. Die Verletzungsgefahr wäre zu groß. Auf der anderen Seite müssen wir Menschen trotzdem wieder lernen, unsere Tiere besser zu beschützen. Es muss mehr Geld in die Prävention gesteckt werden. Das erste Mittel wären da Schutzzäune. Zweites, zugegeben teures Mittel: Herdenschutzhunde. Fatal wäre, auf eigene Faust loszugehen und die Tiere zu erlegen. Es gibt Studien aus den USA, die belegen, dass der Schaden am Nutzvieh höher ist, wenn versehentlich der Rudelführer erschossen wurde. Jungtieren fehlt damit das Vorbild, so dass sie sich vermehrt auf leicht zu erlegende Nutztiere stürzen.
BZ: Welche Rolle spielt der Wolf im Ökosystem Wald?
Schott: Wildtiere gehören zu uns dazu; die Tiere tragen dazu bei, den Wald gesund zu halten. Rehwild wird nicht abwandern, weil der Wolf da ist. Rehwild lebt territorial und wandert bei Beunruhigung nicht ab. Außerdem entsteht durch das Reh ein hoher Verbissschaden im Wald, welcher für uns und den Waldbesitzer hohe Kosten verursacht.

BZ: Der Wolf bildet da wieder ein Gleichgewicht?
Schott: Ja, er unterstützt. Die Jäger können deswegen trotzdem noch genug schießen und genügend Nahrung für uns Menschen wird auch erhalten bleiben. Ich denke nicht, dass wir uns in die Quere kommen würden. Ich denke aber auch nicht, dass der Wolf in deutschen Wäldern überhandnehmen würde. Jetzt am Anfang geht die Kurve zwar erst mal nach oben, aber irgendwann wird sich das einpendeln. Eine langfristige Koexistenz bedeutet, einen Kompromiss einzugehen, bei dem beide Seiten etwas aufgeben müssen. Menschen müssen vielleicht ein paar Schäden in Kauf nehmen und die Wölfe müssen tolerieren, dass vielleicht einige von ihnen getötet werden müssen. Das hat schon der Wolfsexperte Luigi Boitani aus Rom so gesagt.

Vortrag "Wölfe in Deutschland – Wie gefährlich ist der Wolf wirklich?" mit Michael Schott am Freitag, 23. September, um 19.30 Uhr im Kreiskrankenhaus Lörrach, Raum Jura im fünften Obergeschoss des Gebäudes. Der Eintritt ist frei.

Michael Schott

Der gebürtige Schopfheimer wurde 1974 geboren. Er ist gelernter Industriekaufmann und widmet sich seit fünf Jahren ehrenamtlich in der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe. Er ist Ansprechpartner der Region Baden-Württemberg Süd. Der Verein hat 1500 Mitglieder.  

Autor: fxl

Autor: fxl