Artenschutz

Gesucht: Ein Brutplatz für den Steinkauz

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

So, 19. April 2015 um 11:43 Uhr

Lörrach

Sie jagen nachts Mäuse und lieben hohe Streuobstbäume – Steinkäuze sind wären in der Region ausgestorben, würde nichts dagegen unternommen. Doch was ist mit all den anderen Arten?

Der kleine braun-weiß gefiederte Steinkauz duckt sich in die hinterste Ecke der Brutröhre. Die gelben Augen blicken misstrauisch nach hinten, in den Strahl der Taschenlampe, die auf ihn gerichtet ist. Franz Preiss vom Naturschutzbund (Nabu) Lörrach steht auf einer Leiter und inspiziert die Brutröhre. Etwa 150 dieser mardersicheren Röhren hat der Nabu montiert, verteilt in einem Gebiet vom Tüllinger Berg bis ins Eggenertal. Um dem Steinkauz Brutmöglichkeiten zu bieten, denn die sind rar.

"Eulen bauen keine Nester, sondern brüten in Höhlen." Und dafür eignen sich Naturhöhlen in hochstämmigen Obstbäumen – aber die werden in der Region immer seltener. Die Gründe sind Überalterung und Rodung. "Steinkäuze und auch Spechte können mit Zwergbäumen nichts anfangen." Doch auf die läuft es immer mehr hinaus.

Kleine Streuobstbäumen bringen dem Kauz nichts

Streuobstbäume werden weniger und wenn, dann sind es kleine Sorten, die leichter zu ernten sind. "Wir müssen unbedingt Hochstammobstbäume nachpflanzen", betont Franz Preiss. Hinzu kommt, dass es auch immer weniger Wiesen gibt. Die aber braucht die kleine Eule, um zu jagen. Bei seinem seit 1992 bestehenden Steinkauzprojekt kämpft der Nabu dafür, die Vögel zu erhalten. Mit Erfolg. Die Bruthöhlen werden regelmäßig genutzt. Aber: "Ohne das Programm gäbe es gar keine Steinkäuze mehr in der Region."

Der Steinkauz ist nur eins von vielen Tieren, deren Erhalt vom Eingreifen der Menschen abhängig ist – obwohl der sie meist erst in diese Lage gebracht hat. Vielen Tieren geht der Lebensraum verloren, sei es durch Landwirtschaft oder Bebauung. Ob Stillgewässer und Steinhaufen, wie sie die Geburtshelferkröte benötigt, oder Wildblumenwiesen, die Schmetterlingen und Bienen das Überleben sichert.

Der Nabu legt künstlich Bruthöhlen an

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Lörrach-Weil setzt sich aktiv für den Artenschutz ein. Dazu begleitet er Bauleitpläne kritisch und schlägt Ausgleichsmaßnahmen vor, "zusammen mit dem Nabu", erklärt Markus Wursthorn, Vorstandsmitglied der BUND-Ortsgruppe Lörrach-Weil. Der Verein betreut zudem unter anderem Biotope, in denen seltene Pflanzen und Tiere beheimatet sind. Betreuung, das beinhaltet Erhalt, Pflege und ökologische Aufwertung. Ein Beispiel ist der Spitzacker am Tüllinger Berg. Dort wachsen seltene Orchideen. Sie brauchen magere Wiesen und die gibt es immer weniger. Entweder würden die Wiesen gedüngt oder sie verwildern, erklärt Wursthorn. Nicht nur Orchideen mögen die magere Wiese des Spitzackers, auch der Erdbockkäfer ist dort zu Hause, eine seltene Käferart.

Viele Arten brauchen Magerwiesen

Ein anderes Biotop ist der Brändlerain in Brombach, eine Magerwiese am Steilhang. Durch ihre steile Lage sei die Wiese zum einen selten gemäht worden, zum anderen fließe das Wasser dort ab, wodurch das Gebiet trockener sei als andere, erklärt das BUND-Vorstandsmitglied. Dadurch haben seltene Trockenpflanzen die Chance, zu wachsen. Einmal jährlich muss sie jedoch gemäht werden, BUND-Mitglieder haben das übernommen und auch die Goldrute nicht verschont. Diese hauptsächlich aus Nordamerika stammende Pflanze zählt hierzulande zu den Neophyten. Gegen diese Einwanderer geht der BUND vor. Denn es bringt das sensible Ökosystem durcheinander, wenn eingeschleppte Pflanzen oder auch Tiere einheimische Arten verdrängen.

Es gibt Arten mit mehr oder weniger Sexappeal

Warum ist Artenschutz so wichtig? "Jede Art ist wertvoll und unvergleichlich, auch eine unauffällige Nelke", erklärt Markus Wursthorn. "Und jede spielt eine Rolle im Ökosystem." Und das leidet, wenn eine Art verschwindet. Ist sie einmal weg, könne sie zudem nicht wieder hergestellt werden. "Ich möchte mir nicht anmaßen, eine Art zu töten", sagt Wursthorn. Allerdings gebe es in der Gesellschaft Arten mit mehr und weniger "Sexappeal". Was kann der Einzelne für den Artenschutz tun?"Nicht jeden Trend mitmachen", betont Wursthorn. Steingärten beispielsweise seien "ein blöder Trend", weil sie kaum Pflanzen zuließen. Generell sei das Bewusstsein für den Artenschutz aber gestiegen. Das zeige sich bei zahlreichen Nisthilfen für Wildbienen, Naturgärten und ökologischer Landwirtschaft. Auch Dachbegrünungen helfen. Oder die Renaturierung der Wiese, durch die die Artenvielfalt gefördert wird. In Brombach sei das zurzeit in der Mache, im Flussabschnitt Tumringen/Teichmatten geplant, sagt Wursthorn.

Maisanbau bedroht viele Arten

EU-weit sei die Entwicklung, was den Artenschutz angehe, allerdings gegenläufig, das zeigten der exzessive weil subventionierte Energiemaisanbau und das Thema Genmais. In der konventionellen Landwirtschaft spiele der Artenschutz kaum eine Rolle. "Es gibt zwei gegenläufige Tendenzen in der Gesellschaft", sagt Markus Wursthorn, "und noch viel zu tun." Die Ökologie sei ein Gefüge, sagt auch Britta Staub-Abt, Leiterin des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz der Stadt Lörrach. "Wenn ein Baustein fehlt, gerät das Gefüge auseinander." Auch die Stadt setzt sich für den Schutz gefährdeter Tier- und Pflanzenarten ein. Bei Bebauungsplänen werde auf bedrohte Arten Rücksicht genommen, beispielsweise bei den auf dem Kirchberg lebenden Eidechsen, für die neuer Lebensraum geschaffen worden sei, erklärt Britta Staub-Abt. Dort seien zudem immer wieder Streuobstbäume gepflanzt worden. Innerhalb der Stadt sollen statt Rasen blühende Wiesen für Bienen wachsen, Nistkästen würden aufgehängt – viele kleine Aktionen seien in Gang, die dem Artenschutz dienen.

Schon kleine Aktionen können den Arten helfen

Auch die Stadt gehe beispielsweise gegen Neophyten vor, eine Neophytenkartierung sei in Vorbereitung, erzählt Staub-Abt. Dabei gehe es darum, wo und wie man gegen die Eindringlinge vorgehen soll.

Die Stadt versuche, die Artenvielfalt so weit wie möglich zu erhalten. Allerdings werde es nicht möglich sein, alles auszurotten. Über grenzüberschreitende Transporte kommen immer wieder fremde Arten ins Land. Und auch durch die Klimaerwärmung verändere sich manches. "Wir müssen ein Auge drauf haben und die richtigen Maßnahmen treffen." Die Stadt Lörrach hat auf Gemeinderatsbeschluss eine Erklärung zur "Biologischen Vielfalt in Kommunen" unterschrieben. Die Maßnahmenliste zum "Aktionsplan Biodiversität" ist bereits aufgestellt. Auch die Bürger können sich dazu äußern. Denn es sei wichtig die Bevölkerung von vornherein einzubinden.