Hirte lotst durch Oratorium

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Di, 13. Dezember 2011

Lörrach

Bachs Weihnachtsoratorium für Kinder mit dem Motettenchor bei "Stimmen im Advent".

LÖRRACH. Auf einen langen Stock gestützt, eine Laterne in der Hand, schreitet ein Hirte auf die Kinder zu, die dicht gedrängt auf Kissen vor dem Altarraum sitzen. "Was ist denn da los? Da steht ein ganzer Chor auf der Bühne, und ein Orchester sitzt auch da", fragt die bärtige Gestalt. Mit weißem Hemd, Hirtenstab und Filzhut gibt der Salzburger Musiker Michael Gusenbauer einen Hirten, der den vielen Kindern und Erwachsenen in der Kirche St. Peter szenisch und erfrischend originell Bachs Weihnachtsoratorium und die Geschichte von der Geburt Jesu erklärt.

Mit "Bachs Weihnachtsoratorium für Kinder" wurden die Mädchen und Jungen spielerisch und kindgerecht mit Bachs Musik und der Weihnachtsgeschichte vertraut gemacht. Der Lörracher Motettenchor, das Barockorchester L’arpa festante sowie die Vokalsolisten Heike Werner, Hans Jörg Mammel und Benno Schöning wirkten unter Leitung von Stephan Böllhoff wunderbar inspiriert bei diesem besonderen Hirten-Spiel mit und sangen und musizierten Auszüge aus dem Weihnachtsoratorium: eine gelungene Konzertidee bei "Stimmen im Advent", um Kinder an herrliche oratorische Musik heranzuführen.

Eine Krippe mit Stroh ist vor dem Altar aufgebaut, und der Mime aus dem Salzburger Land bezieht die Kinder mit Fragen direkt ins Spiel ein. Auf seiner Wanderung habe ihm in einem Wirtshaus ein alter Mann verraten, dass das Christkind vom Himmel gekommen sei. In sympathisch lockerem Erzählton macht der Hirte den Kindern verständlich, wie der Komponist Johann Sebastian Bach vor langer Zeit zu Ehren der Geburt Christi dieses wunderschöne Weihnachtsoratorium geschrieben hat und wie er das Weihnachtsgeschehen musikalisch deutet. Anschaulich malt Gusenbauer das Geschehen um die Hirten aus, während Chor und Orchester mit lieblich-pastoraler Musik die Hirtenszenen untermalen.

Die Aufmerksamkeit der Kleinen ist dem Schauspieler sicher, wenn er mit lebhafter Mimik und Gestik und zu Paukenschlägen dramatisch beschreibt, wie die Engel vom Himmel herabschweben und den furchtsamen Hirten die frohe Botschaft verkünden: "Mitten in der Nacht gab es einen Riesenknall und die Hirten haben sich furchtbar erschrocken." Wie aufs Stichwort setzen Chor und Musiker mit dem freudig strahlenden "Jauchzet, frohlocket" ein. Auch wie sich die Hirten auf den Weg nach Bethlehem machen, um das Jesuskind zu suchen, bringt Gusenbauer szenisch anschaulich nahe: Mit langen Schritten oder trippelnd läuft er durch den Kirchenraum, und selbst die Musiker können sich ein Lächeln nicht verkneifen, so erheiternd wirkt diese Hirtenwanderung – das macht die musikalische Beschreibung dieser Szene bei Bach für die Kinder noch greifbarer.

Dann erzählt Gusenbauer vom bitterarmen Ehepaar, das kein Geld für ein Hotelzimmer hatte und deshalb in einem Stall nächtigen musste, wo das Christkind in eine Futterkrippe mit Stroh gelegt wurde. "Das piekst, das sticht, das juckt, das war gar nicht angenehm für das neugeborene Kind", ereifert er sich und kratzt sich ausgiebig. In seine szenische Erzählung baut der Musiker spielerisch eine Instrumentenkunde ein. Mit Hilfe der Kinder sucht er das richtige "prächtige" Instrument für das Christkind und lässt die "Frau Flötistin", das Fagott und die Oboe d’Amore vorspielen. "So schön, so lieblich!", schwärmt er, macht weiter die Orchesterreihen durch, landet beim "Herrn Konzertmeister" ("Ich hab gedacht, ich komm gar nicht mehr dran..."), lauscht hingebungsvoll: "Das hat überhaupt nicht gekratzt." Nachdem Bratsche, Cello und Bassgeige dran waren, findet der Hirte mit den Kindern endlich das passende Prachtinstrument: die Trompete, die die Bass-Arie "Großer Herr, o starker König" glanzvoll begleitet, während der Hirte vor Entzücken vor dem Altar tanzt – was die Kinder natürlich zum Lachen bringt. "Und jetzt singen wir dem Christkind ein Wiegenlied, damit es einschläft. Pscht...", raunt Gusenbauer, "das ist ein Trick, den haben eure Eltern bei euch auch ausprobiert". So dürfen Oboe d’Amore, Celli und Geigen sowie Altistin Heike Werner in ihrer himmlisch schönen Arie "Schlafe, mein Liebster" das Kind in den Schlaf wiegen. Wenn der Chor dann den Weihnachtschoral "Vom Himmel hoch" singt, kommt richtig feierliche Weihnachtsstimmung auf. Der Hirte nimmt seine Laterne, winkt zum Abschied, die Chorsänger und die Kinder winken zurück. Aber er kehrt unter Riesenbeifall zurück, und setzt sich für die Zugabe mit an die Streicherpulte des Orchesters.