Interview mit dem Mediziner Michael Nehls über Alzheimer

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Von dw

Do, 07. April 2016

Lörrach

Alzheimer kann heilbar sein – zu dieser Erkenntnis kommt der Arzt und Molekulargenetiker Dr. Michael Nehls. Aus Anlass seines Vortrags in der Alten Halle in Haagen sprach Martina David-Wenk mit dem erfolgreichen Autor und Ausdauersportler.

BZ: Wir wünschen uns ein letztes Lebensdrittel als aktiver Senior und fürchten den Dämmerzustand des Alzheimerkranken. In Ihrem Buch schreiben Sie, die Alzheimer-Diagnose müsse nicht die bekannten Folgen nach sich ziehen, ja Alzheimer sei sogar heilbar. Worauf stützen Sie Ihre Erkenntnisse?

Nehls: Alzheimer ist eine Mangelkrankheit. Meine These stützt sich auf viele tausend klinische und experimentelle Studien und nicht zuletzt auf die besondere Richtung, die die Evolution des Menschen vor einigen Hunderttausend Jahren einschlug. Aus diesem Blickwinkel betrachtet konnte ich erstmalig sämtliche Alzheimer-Risikofaktoren nahtlos in einer Ursachenkette verknüpfen, an deren Anfang Mängel stehen, die sich aus unserer modernen Lebensweise ergeben. Wenn wir diese rechtzeitig erkennen und beheben, lässt sich das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, drastisch senken. Es besteht sogar Hoffnung, den geistigen Abbau aufzuhalten und das Gehirn auf völlig natürliche Weise wieder gesunden zu lassen. In den USA gelang dies in einer kleinen Studie, und einen vergleichbaren Trend beobachten wir nun auch bei den ersten Patienten, die hier in Freiburg seit kurzer Zeit nach meiner Methode behandelt werden.

BZ: Wer sich bewege, sich gesund ernähre und genügend schlafe, der könne sich die Regenerationsfähigkeit des Gehirns erhalten, sagen Sie. Krankheit ist demnach kein Schicksal, sondern eine Herausforderung, die zu meistern ist. Woher sollen ältere Menschen, vor allem die, die an Alzheimer erkranken, Kraft zur Selbstoptimierung nehmen?

Nehls: Selbst wer "hirngesund" lebt, kann unter Alzheimer-verursachenden Mängeln leiden. Beispielsweise stört ein in Deutschland häufiger Selen- oder Vitamin-D-Mangel die natürliche Regenerationsfähigkeit des Gehirns. Doch solche Defizite spüren Betroffene nicht, weshalb sie nur durch ärztliche Hilfe aufgedeckt und korrigiert werden können. Deshalb plädiere ich für eine Früherkennung und eine entsprechende Aufklärung. Schließlich müssen Betroffene und ihre Angehörigen verstehen, dass es durchaus einen Sinn hat, die Lebensweise in den Bereichen zu ändern, in denen sie dem Gehirn schadet. Dieses Wissen um die Chance auf Gesundung ist die entscheidende Voraussetzung für die Motivation, sich der Herausforderung zu stellen. Dann fehlt eigentlich nur noch die Unterstützung durch ein wohlwollendes Umfeld.

BZ: Wenn die Änderung der Lebensweise genügt, um dem Schicksal zu entgehen, warum ist das so wenig präsent?

Nehls: In einer von Wirtschaftsinteressen geprägten Kultur wurde Alzheimer zum unabänderlichen Schicksal erklärt, auf das unsere Lebensweise keinen Einfluss habe. Dies lässt nur eine medikamentöse Lösung des Alzheimer-Problems zu. Das erklärte Ziel: Die vermeintlich fehlerhafte Natur des Menschen pharmazeutisch zu korrigieren. Dieses Denken, das wissen wir heute, ist offensichtlich falsch, das Potential, bis ins höchste Alter die geistige Fitness zu erhalten, steckt von Natur aus in jedem von uns. Wir dürfen die Natur nur nicht daran hindern. Das zuzugeben fällt den dafür Verantwortlichen natürlich schwer. Schließlich erhalten sie durch ihre Aussage, Alzheimer sei prinzipiell unvermeidbar, enorme finanzielle Zuwendungen. In keinen anderen Krankheitsbereich wird mehr investiert.

BZ: Auch Sie haben ihren Lebensentwurf überdacht und geändert. Was trieb Sie zu Ihren sportlichen Höchstleistungen?

Nehls: Ich wollte wissen, wie viel Leistungsfähigkeit aus einem mangelbefreiten Lebensstil erwächst. Also kaufte ich mir ein vor einigen Jahren ein Rennrad. Recht bald wurde so aus einem übergewichtigen und herzinfarktgefährdeten Manager ein Finisher beim härtesten Ausdauerradrennen der Welt - 4800 Kilometer nonstop quer durch die USA. Ich fuhr das Radrennen zweimal mit meiner Anti-Alzheimer-Strategie mit dem jeweils verblüffenden Ergebnis, am Ziel fitter zu sein als beim Start. Für mich war das ein klarer Hinweis dafür, wie viel natürliches Potential in jedem von uns steckt.

Info: "Alzheimer ist heilbar", Vortrag von Dr. Michael Nehls, am Freitag, 8. April, in der Alten Halle in Haagen. Beginn ist um 19.30 Uhr.