Ist Alzheimer wirklich heilbar?

Martina David-Wenk

Von Martina David-Wenk

Mi, 13. April 2016

Lörrach

Der Freiburger Molekulargenetiker Michael Nehls referierte auf Einladung der VHS Lörrach über Möglichkeiten zur Prophylaxe.

LÖRRACH-HAAGEN. Noch werden Stühle geschleppt, selbst auf der Empore in der Alten Halle in Haagen stehen die Menschen und erwarten den Vortrag von Michael Nehls, Mediziner und Molekulargenetiker aus Freiburg, der auf Einladung der VHS Lörrach Bahnbrechendes erzählen will. Die Alzheimer-Krankheit sei keine Folge des Alterns, sie sei in ihrem frühen Stadium sogar heilbar. Was die Krankheit im Gehirn für Folgen habe und warum er glaube, sie aufhalten oder gar heilen zu können, erläuterte er in einem über zweistündigen Vortrag. Bisher geht man vonseiten der offiziellen Wissenschaft davon aus, die Demenz sei eine Folge des menschlichen Alterungsprozesses. Die Alzheimer-Erkrankung, eine besondere Form der Demenz, könne nicht aufgehalten werden, jeder Mensch habe sie schon in seinem Bauplan.

Urmensch kannte kein Alzheimer
An diesem Punkt setzen die Zweifel des promovierten Molekulargenetikers an. Denn ein seines Bewusstseins beraubter Urmensch hätte sich nie in seiner Welt behaupten können, so Nehls. Das Wissen wo, wann, was jetzt eben passierte, ist für das Überleben jedes Lebewesens von allergrößter Wichtigkeit. Der Fehler im System müsse also von außen kommen. Etwas müsse die essentielle Funktionsweise stören. Der Ort, an dem alle tierischen Lebewesen akute Informationen speichern, heißt Hippocampus, übersetzt Seepferdchen, weil dieser Teil des Gehirns Ähnlichkeit mit einem Seepferdchen hat. Solang die Alzheimer-Erkrankung nur diesen Teil des Gehirns betreffe, sei sie noch umkehrbar, so der Privatdozent und Buchautor, denn hier werden laufend Hirnzellen neu gebildet, eben auch im hohen Alter noch.
Ähnlich wie auf einer Zigarettenpackung zeigt Michael Nehls Vorher- und Nachher-Bilder. Des Schockeffekts eines von Alzheimer zerfressenen Gehirns kann er sich sicher sein. Heilbar sei solch ein Gehirn nicht mehr. Deshalb plädiere er für eine frühe Diagnose – befällt die Alzheimer-Erkrankung auch die Großhirnrinde, dann ist jede Hilfe zu spät.

Erste Therapieerfolge
Der ehemalige Manager und Grundlagenforscher ist Wissenschaftler genug, um die Aussagekraft der seiner Theorie zugrundeliegenden Studien zu relativieren. Neun Patienten habe man in den USA nach seiner Methode behandelt und alle neun seien geheilt worden. Dass es mehr Fälle brauche, um die Revolution in Gang zu setzen, die auch Zweifler überzeugen, weiß Michael Nehls. Doch, so sagt er, neun Geheilte von neun Behandelbaren, sei ein nicht zu übersehendes Signal. Wieso wird der Mensch, vor allem werden die Frauen überhaupt so alt? Evolutionsbiologisch ist die dritte Lebensphase völlig unsinnig. Schließlich sei der Sinn des Lebens, dieses weiterzugeben. Und unfruchtbare Frauen widersprächen dem Evolutionsgedanken, so die seit neuestem diskutierte Theorie von der Großmutter-Evolution. Anhand von Studien hat man hier herausgefunden, die Langlebigkeit der Großmutter komme den Kindern der Tochter zugute. Die dritte Lebensphase habe also evolutionsbiologisch den Sinn, den Erfahrungsschatz eines langen Lebens an die Enkel weiterzugeben. Bei den Kindern der Tochter kann man sich des eigenen Erbguts sicher sein. Selbst im Tierreich gäbe es "Großmütter" – erfahrene alte Weibchen, die in Notsituationen die Herde zur Nahrung führen.

Alzheimerprophylaxe im Alltag
Was ist also zu tun, um ein segensreiches Alter zu erreichen? Die Rezepte von Michaels Nehls für ein langes Leben unterscheiden sich nicht groß von denen anderer: gesunde Fette, Fisch statt Wurst, weniger Zucker essen, Wasser mit Lithium trinken, sich täglich bewegen, am besten draußen. Auch zur Vitaminsättigung rät er, doch brauche es dafür keine künstlichen Vitamine, diejenigen in unserer Nahrung reichten aus. Eventuell müsse man im Winter zusätzlich Vitamin D zu sich nehmen. Ob dies nötig ist, ergäbe ein Vitamin-D-Bluttest, den jeder Arzt ausführen könne.
Nehls rät zur Vorsorge, zur rechtzeitigen Mangelbehebung, denn, so der Autor, Demenz sei eine Mangelerkrankung, zu der es nicht kommen müsse, wenn der Mensch rechtzeitig vorsorge. Der praktische Teil zur Gesunderhaltung des Gehirns fiel in Nehls Vortrag im Vergleich zur Herleitung seiner Thesen recht kurz aus. Doch ausführlich kann man sie ja auch in seinem aktuellen Buch zum Thema Alzheimer nachlesen: "Alzheimer ist heilbar", erschienen 2015 beim Heyne Verlag.