"Kinder haben das Recht, mal vollkommen zwecklos zu schmökern"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Fr, 13. Juli 2018

Lörrach

BZ SERIE mit Interviews zu den Menschen- und Kinderrechten: Sabine Dietrich von der Stadtbibliothek über den Zugang zu Medien, Kinder- und Jugendschutz.

LÖRRACH. Was bedeuten die Menschen- und Kinderrechte? Das Junior-Team und die Hochschulgruppe von Unicef haben Menschen in Lörrach gefragt. Clara Koppenburg sprach mit Sabine Dietrich, Leiterin der Stadtbibliothek, über Artikel 17 der Kinderrechte, in dem es um den Zugang zu den Medien, Kinder- und Jugendschutz geht.

Unicef: Als Leiterin der Stadtbücherei sind Sie verantwortlich für die Auswahl der Bücher. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus?

Dietrich: Bei uns sichtet ein Team von Mitarbeitern fortwährend den Medienmarkt nach geeigneten Neuerscheinungen. Dabei streben wir einen ausgewogenen Medienbestand an und berücksichtigen Rezensionen, Empfehlungslisten, Leserwünsche oder aktuelle Themen und Trends. Aktualität ist eh ein ganz wichtiger Aspekt, denn auch die Mediennutzung ist sehr schnelllebig geworden. Aber wir werten unseren Medienbestand und dessen Nutzung auch ganz nüchtern anhand von Statistiken aus und erarbeiten Bestandsprofile, in denen Messgrößen wie Effizienz und Umsatz errechnet werden. Das klingt sehr wirtschaftlich, ist aber ein wichtiges Mittel, um unseren Medienetat sinnvoll einzusetzen. Wobei die wirtschaftliche Herangehensweise auch ihre Grenzen hat. Wie bei vielem ist auch hier das richtige Maß entscheidend.

Unicef: Haben Sie einen pädagogischen Anspruch bei den Kindermedien?
Dietrich: Ja und nein. Unser pädagogischer Anspruch ist es zum Beispiel, keine Medien anzubieten, die Gewalt verherrlichen oder ein einseitiges, fragwürdiges Menschenbild vermitteln. Den pädagogischen Zeigefinger, was ein "gutes" oder ein "schlechtes" Buch ist, werden Sie bei uns allerdings nicht finden. Kinder haben das Recht, auch mal vollkommen zweckfrei zu schmökern.

"Bibliotheken sichern freien Zugang zu Medien und

schaffen soziale Teilhabe."

Sabine Dietrich
Unicef: Ist Computerkenntnis so etwas wie früher Lesekenntnis?
Dietrich: Naja, um einen Computer nutzen zu können, muss man ja erstmal lesen können – insofern setzt Computerkenntnis die Lesekenntnis voraus. Aber auf diese Frage ließe sich viel antworten.
Computerkenntnisse und digitales Wissen werden heute oft mit dem zukünftigen Berufserfolg unserer Kinder und Jugendlicher gleichgesetzt. Das finde ich viel zu kurz gegriffen. Viel wichtiger ist es doch, ihnen einen kompetenten Umgang mit der digitalen Welt zu vermitteln und sie zu ermutigen, deren Inhalte kritisch zu hinterfragen. Dafür machen wir uns in der Stadtbibliothek stark.
Unicef: Was tun Sie für Bildung durch Lesen?

Dietrich: Viel. Dabei fängt Bildung durch Lesen schon von klein auf in der Familie an. Und so ermutigen wir zum Beispiel Eltern von drei- bis fünfjährigen Kindern mit unserer regelmäßigen Aktion "Die Buchhüpfer", ihren Kindern Geschichten vorzulesen oder gemeinsam mit ihnen Bilderbücher anzuschauen. Dabei geht es nicht nur um Bildung. Wer seinem Kind vorliest, schenkt ihm vor allem Zeit, Zuwendung und gemeinsames Erleben.

Unicef: Welche Angebote machen Sie für Kinder, die keine Lust haben zu lesen?
Dietrich: Wir versuchen, die Kinder und Jugendlichen bei ihren Interessen abzuholen. So bieten wir für die Zehn- bis 14-Jährigen, die sich oft schwer mit dem Lesen tun, regelmäßig den Konsolenspielnachmittag "We play" an. Lesen und Konsolenspiele scheinen für manchen vielleicht nicht zusammenzupassen, aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für "leseferne" Jugendliche oft schon eine Hemmschwelle ist, in eine Bibliothek zu gehen. Diese Hemmschwelle sinkt durch die Konsolenspiele. Die Jugendlichen kommen und lernen im Spiel und unter Anleitung eines Mitarbeiters einen fairen Umgang miteinander. Und ganz nebenbei lernen sie auf diese Weise die Bibliothek als Ort kennen. Und beim nächsten Mal trauen sie sich vielleicht und leihen ein Buch für die Schule aus oder treffen sich zum gemeinsamen Lernen in der Bibliothek …
Unicef: Artikel 17 ist voll auf Ihrer Linie, oder?
Dietrich: Ja, denn Bibliotheken sichern den freien Zugang zu Medien und Information für alle und schaffen dadurch soziale Teilhabe und die Möglichkeit sich zu einem mündigen Menschen zu entwickeln. Bibliotheken sind deshalb auch ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Demokratie. Bei uns ist deswegen die Nutzung der Bibliothek für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren auch kostenlos.
Unicef: Glauben Sie die Einhaltung der Menschenrechte könnte Verfolgung, Hass und Krieg verhindern?
Dietrich: Wenn die Menschenrechte eingehalten werden würden, wäre meine Antwort: Ja. Aber mir fehlt der Glaube, dass der Mensch diese Einhaltung schafft. Dazu ist er zu sehr Mensch.
Unicef: Haben Sie in Bezug zu einer Kinderrechtskultur in Lörrach noch eine Botschaft an die Kinder und Jugendlichen?
Dietrich: Bleibt neugierig und haltet euch an das Motto der Sesamstraße: "Tausend tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen. Manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen!"

Sabine Dietrich (49) leitet die Stadtbibliothek seit Ende 2012.