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17. November 2015

Musik überwindet kulturelle Grenzen

Martin Schäfer beleuchtete bei der Samstagsuni den Einfluss jüdischer Musiker auf den Pop.

  1. Martin Schäfer Foto: Mink

LÖRRACH. Der Einfluss jüdischer Musiker auf die amerikanische Populärmusik ist von jeher sehr groß. Zu hören ist das aber nur selten, auch weil Musik und Kultur immer ein Gemisch unterschiedlichster Einflüsse sind. Martin Schäfer erhellte beim vierten und letzten Vortrag im Rahmen der diesjährigen Samstagsuni den Beitrag jüdischer Musikerinnen und Musiker zur Popmusik.

Musik ist ein Spiegel der Welt, sagte Martin Schäfer, der als Publizist und als Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig ist. "Wir sind mit der Musik immer mitten in der Geschichte und in der Gegenwart mit allem, was an Wunderbarem und an Schrecklichem damit zusammenhängt", sagte er. Bob Dylan stammt aus einer jüdischen Familie, ein kleines türkisches Dorf ist stolz, dass Dylans Großmutter dort herkommt, berichtete VHS-Leiter Axel Rulf. Martin Schäfer war am Freitagabend beim Konzert von Bob Dylan in Basel, wo Dylan mehrere Songs spielte, die nicht seine eigenen waren. "Mit Shadows In The Night" hat Dylan zuletzt ein ganzes Album mit Coverversionen aus dem Great American Songbook vorgelegt. Schäfer spielte daraus "What I’ll Do", komponiert von Irving Berlin, auch er ein Jude. Den Song nahm Schäfer auch zum Beleg dafür, dass Dylan der Erste war, der in der Popmusik Fragen stellte und nicht nur Dinge beschrieb.

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Viele amerikanische Komponisten des 20. Jahrhunderts entstammen der Welt des Klezmer, die im Holocaust fast untergegangen ist, und ironischerweise ist Klezmer heute nirgendwo so populär wie in Deutschland. Vor allem in der jüdischen Welt selber will man oft weg von solchen Klischees. Doch der Einfluss jüdischer Musiker ist neben dem immensen afroamerikanischen Einfluss ganz entscheidend für die Popmusik, auch wenn es ganz oft überhaupt nicht jüdisch klingt, sagte Schäfer.

Jüdische Komponisten, Interpreten, Verleger und Veranstalter spielten schon früh eine große Rolle, insbesondere für die Verbreitung von Ragtime und Jazz. Juden und Afroamerikaner gehörten beide zu einer diskriminierten Minderheit und fanden vielleicht deswegen zueinander, vermutete er. Schäfer betonte, es gebe einen kulturellen Hintergrund in der Musik, der aber nichts mit ethnischer Zuordnung zu tun habe. So finde sich das Abweichen von Tonarten sowie der Vorrang des Ausdrucks vor der Reinheit des Tons sowohl in der schwarzen als auch in der jüdischen Musik. Der "Jewish Move", der Sprung von Dur zu Moll, trifft sich mit den "Blues Notes" der Afroamerikaner. Auch das jüdische Theater in New York hatte Einfluss auf den Jazz der 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Als Beispiel brachte Schäfer den Hit "Bei Mir Bistu Sheyn", der aus einem jüdischen Musical stammt und 1938 auch in Deutschland ein Hit war, bevor die Nazis den Hintergrund erkannten und den Song verboten.

Sehr viel Überschneidungen gibt es auch zwischen jüdischer und arabischer Musik, wie überhaupt Musik oft kulturelle Grenzen überwindet. Um den Song "Misirlou" streiten sich Griechen und Türken, und auch im Orient gibt es Versionen davon, ebenso wie im Rock und im Hiphop. In dem Song "One More Cup Of Coffee" von Bob Dylan stecken orientalische und Klezmer-Einflüsse. Aber auch Dylan wollte weg vom Klischee des jüdischen Musikers und ist vielleicht deswegen zum Christentum konvertiert, und fast alle jüdischen Musiker in den USA haben auch Weihnachtsalben herausgebracht. "Musiker beeinflussen einander, Musik und Kultur sind immer gemischte Sachen, so wie es auch den biologisch reinen Menschen nicht gibt", betonte Martin Schäfer.

In der Musik zeigt sich die Vermischung der Kulturen – sei es, was den Terroristen von Paris, die unter anderem ein Konzert als Ziel ihres Anschlags wählten, ein Dorn im Auge sei, stellte Schäfer fest.

Autor: Thomas Loisl Mink