19. November 2009

Wie Blättern im Lifestyle-Magazin

LÖRRACH. Lyriker stehen selten im Scheinwerferlicht. Für die Lörracher Autorin Claudia Gabler gibt es heute Abend eine Ausnahme. In Renchen bekommt sie den Förderpreis des Grimmelshausen-Preises, der als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im Südwesten gilt. Sie erhält den Preis für ihren Gedichtband "Die kleinen Raubtiere unter ihrem Pelz". Claudia Gabler, die jüngst auch in die Literaturförderung des Landes aufgenommen wurde, schreibt Lyrik, Hörspiele und Stücke, außerdem ist die Mitarbeiterin der Badischen Zeitung.

Claudia Gabler kürzlich bei einer Lesung in Riehen | Foto: Martina David-Wenk
"Mit dem Preis soll das bisherige Werk einer Autorin gefördert werden, deren weitere Entwicklung zu den schönsten Hoffnungen Anlass gibt." Mit diesen Worten begründete die Jury das Votum für Claudia Gabler bei der Auswahl der Preisträger. Der Johann-Jakob-Christoph-von-Grimmelshausen-Preis wird von den Städten Renchen und Gelnhausen, sowie von den Ländern Hessen und Baden-Württemberg vergeben. Heute Abend wird in Renchen Reinhard Jirgl für seinen Roman "Die Stille" mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Neben dem Förderpreis für Claudia Gabler gibt es noch einen Sonderpreis für Reinhard Kaiser, der den "Simplicissimus", Grimmelshausens berühmte Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg, in eine zeitgemäße Sprache übertragen hat.

Für Claudia Gabler ist die Auszeichnung eine weitere wichtige Station ihrer literarischen Karriere. Mit dem Schreiben hat sie, die in Lörrach aufgewachsen und dann zum Studium der Publizistik und Theaterwissenschaften nach Berlin gegangen war, erst relativ spät begonnen. Gleich der erste Stoff, ein Theaterstück, wurde vom Südwestrundfunk als Hörspiel produziert, und seit 2001 erhielt sie mehrere Stipendien von Ländern, Stiftungen und Literaturfonds. Vor einem Jahr erschien, gefördert auch von der Stadt Lörrach, unter dem Titel "Stavano attaccati come lingue" eine Übertragung ihrer Gedichte ins Italienische.

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In der deutschen Lyrik-Szene ist sie hauptsächlich mit dem 2008 erschienen Band "Die kleinen Raubtiere unter ihrem Pelz" präsent. Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Texten, die zunächst wie alltägliche, beiläufig notierte Beobachtungen wirken. Es sind Beschreibungen flüchtiger Bilder, wie sie kurze Gedanken erzeugen und die sogleich von der nächsten Assoziation verdrängt oder durchkreuzt werden. Oder anders gesagt: Manchmal wirken die Texte, als blättere man in einem Livestyle-Magazin und lasse modische Lebensentwürfe an sich vorbei rauschen. Jede Hochglanzseite ergibt einen flüchtigen Eindruck vom schönen Schein und am Ende bleibt doch das flaue Gefühl, dass all das nicht trägt. Auf den ersten Blick meint man, Claudia Gablers Texte fußen auf nüchterner, fast teilnahmsloser Beobachtung. Doch hinter der Fassade der kühlen, manchmal geradezu unterkühlten Sprache verbirgt sich Poesie in Form eingefrorener Gefühle. Oft ist in diesen Texten von "Ich" und "Du" die Rede. Das erzeugt zuweilen eine Art Nähe. Aber diese Ansätze von Harmonie lässt häufig der aufgebrochenes Satzrhythmus schnell wieder in sich zusammenfallen.

Schreiben, sagt die Autorin, sei ein nur schwer steuerbarer Prozess. Das gleiche gilt für das Lesen ihrer Texte. Einfache Interpretationen und Gewissheiten gibt es nicht, wer liest, muss die schlaglichtartig präsentierten Bilder zum eigenen Film im Kopf zusammensetzen.

Sprache, die viel mehr verrät als sie eigentlich sagt, erkundet Gabler auch bei den "Wurfsendungen". Das sind Mini-Hörspiele von maximal einer Minute Länge, die Deutschlandradio Kultur in sein Programm einstreut. Claudia Gabler ist eine von mehreren "Wurfsendung"-Autoren. Ihre Spezialität ist, dass sie sich unter dem Titel "Gespräche mit Architekten" dem Jargon anderer bedient – eine Methode, die sie auch bei ihrer Lyrik einsetzt. Das wirkt wie ein umgekehrter Häutungsprozess: Die Autorin legt die Struktur ihrer Figur offen, indem sie sich deren Sprachgewohnheiten überstülpt.

Neben diesem literarischen Umgang mit Sprache, neben dem Chiffrieren künstlerischer Wahrnehmung steht das zweckgebundene, journalistische Schreiben. Früher in Berlin bei der Pressearbeit für naturwissenschaftliche Institute und nun in Lörrach bei der BZ geht es darum, Sachverhalte verständlich zu machen. Für Claudia Gabler ist das kein Widerspruch, sie begreift das als unabhängige Aufgaben. Vermutlich gibt es aber doch eine Verbindung zwischen Kunst und Journalismus: Beide Facetten setzen die gründliche Beobachtung voraus.  

Autor: Willi Adam



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