Lösung aller Probleme?

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Sa, 01. September 2018

Beruf & Karriere

BZ-GASTBEITRAG VON STEPHAN FISCHER zur Agilität in Unternehmen.

Agilität ist in aller Munde. Egal ob Bosch, Daimler, Allianz oder viele andere Unternehmen, alle beschäftigen sich mit der Frage, ob Agilität der neue Wettbewerbsvorteil ist.

Agilität ist die Fähigkeit eines Unternehmens, sich kontinuierlich an seine komplexe und unsichere Umwelt anzupassen. Dazu muss es die Fähigkeit entwickeln, diese Veränderungen rechtzeitig zu antizipieren, selbst innovativ und veränderungsbereit zu sein, ständig zu lernen und dieses Wissen allen relevanten Personen zur Verfügung zu stellen.

Beim agilen Arbeiten kann man drei Ebenen unterscheiden: Zum einen das agile Unternehmen selbst. Es zeichnet sich durch eine flexible und schlanke, innovative und kundenorientierte, an der Mitarbeiterkompetenz orientierte, sich auf neue Technologien stützende (Netzwerk-)Organisation aus, die Marktentwicklungen früh erkennt und sich anpasst.

Zum Zweiten die agilen Arbeitsteams im Unternehmen: Sie arbeiten mit neuen Methoden wie Scrum-Projektmanagement und Design Thinking. Diese Methoden stärken die Verantwortung der Mitarbeitenden und ermöglichen durch neue Rollen und Aufgaben Lösungen in kürzest möglicher Zeit. Der Fokus liegt nicht mehr darauf, vor Projektbeginn lange Planungszyklen zu durchlaufen. Vielmehr sollen in kurzen Zyklen (sogenannten Iterationen) Ergebnisse entwickelt werden, die dem Kunden bereits einen unmittelbaren Nutzen generieren. Das hat sich in der Softwareentwicklung bewährt und wird nun auch in anderen Projekten erfolgreich eingesetzt. So sollen Innovationspotenziale gehoben und Kundenbedürfnisse besser und vor allem schneller bedient werden.

Und schließlich die agilen Mitarbeitenden: Sie arbeiten kollaborativ und abteilungsübergreifend zusammen, organisieren sich weitgehend selbst und erhalten durch eine bestimmte Form der Führung (Stichwort: Empowering Leadership) eine hohe Eigenverantwortung. Sie verfügen über ein sogenanntes agiles Mindset, also eine Kombination speziellen Wissens (etwa um Methoden wie Scrum) und bestimmten Werthaltungen (etwa Offenheit für Neues). Dieses agile Mindset ist nicht vom Alter abhängig. Vielmehr spielen positive Erfahrungen mit dieser Form des Arbeitens eine große Rolle. Wer es erlebt und als positiv bewertet hat, will auch in Zukunft so arbeiten.

Wozu brauchen die Unternehmen Agilität? Agilität scheint immer dann ein erfolgreiches Konzept, wenn Unternehmen sich besonderen Herausforderungen entgegensehen. Diese Herausforderungen müssen dabei so gestaltet sein, dass die bisherigen Erfolgsmuster nicht mehr tragen. Das ist immer dann der Fall, wenn eine neue Technologie auf dem Markt erscheint, die bestehende Produkte und Dienstleistungen, ja ganze Geschäftsmodelle infrage stellt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der sogenannten Disruption.

Sich selbst Konkurrenz machen

Aktuell stehen viele Unternehmen genau vor einer solchen Disruption. Grund dafür ist die Digitalisierung. Ganz praktische Beispiele in der jüngeren Vergangenheit sind die Smartphones, die die Tastentelefone abgelöst haben, oder die Streamingdienste, die einen deutlichen Rückgang an CD- und DVD-Verkäufen bewirkt haben. Aber auch das Laden von Büchern auf das Tablet ist ein solches Beispiel. Oder stellen Sie sich vor, was passiert, wenn die deutschen Automobilhersteller keine Autos mehr an Privatpersonen verkaufen, weil wir uns etwa über Amazon oder andere Plattformen einfach Kilometer kaufen. Wenn die Sonne scheint, fahren wir Cabrio, wenn es schneit einen Allrad, wenn wir Möbel kaufen einen Kombi, und wenn wir in der Stadt parken einen Smart. Dazwischen geschaltet sind ein paar große Car-Sharing-Firmen, die die Hauptabnehmer der Automobilindustrie und die Lieferanten für uns sind. Die Idee ist nun, dass diejenigen Automobilhersteller ein solches Szenario wahrscheinlicher erfolgreich bestehen werden, die das frühzeitig antizipieren und sich entsprechend anpassen. Im Grunde also diejenigen, die besonders agil sind. Das kann zum Beispiel dadurch geschehen, dass sie selbst Mobilitätsplattformen aufbauen und sich so in ihrem Kerngeschäft selbst Konkurrenz machen. Ein solches Beispiel ist Moovel. Das gilt nicht nur für die Automobilindustrie, sondern für alle Industrien, die von Disruptionen wie der Digitalisierung betroffen sind.

Ist Agilität nun die Lösung aller Probleme? Nein. Agilität hilft bei disruptiven Veränderungen. Wenn die Unternehmen herkömmlichen Herausforderungen gegenüberstehen, ist Agilität sicherlich nicht schädlich, aber auch nicht existenziell. Zudem kann man verschiedene agile Reifegrade unterscheiden. Nicht alle Mitarbeitenden im Unternehmen arbeiten gleich agil. Da kann es durchaus Unterschiede geben. Der Begriff dazu ist die sogenannte Ambidextrie, also die Beidhändigkeit. Dahinter steht der Gedanke, dass in einem Unternehmen agile und nicht-agile Bereiche Hand in Hand arbeiten. So wird also Zusammenarbeit in Zukunft neu gedacht.