Im Medizinschrank der Natur

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Sa, 02. Juni 2018

Auggen

Bei Kräuterspaziergängen wie zuletzt in Auggen erfahren Interessierte von Heilkräften, aber auch von Gefahren durch Verwechslung.

AUGGEN. Sie sind nicht nur im Feldblumenstrauß, sondern auch als Gewürz, Gemüse oder Heilmittel begehrt und geschätzt: Wildkräuter. Immer mehr Menschen wollen diese Gaben der Natur näher kennenlernen und sie selbst sammeln, anstatt auf dem Markt oder in der Apotheke zu kaufen. Das dazu erforderliche Wissen kann man bei geführten Kräuterspaziergängen erwerben. So wie vor wenigen Tagen in Auggen, wo Kräuterfachfrau Gerlinde Kurzbach ein beachtliches Grüppchen von Interessierten um sich geschart hatte.

Motiviert ging es los, ausgerüstet mit Rucksack, Sonnenschutz, Wasserflasche und Notizbuch mit Stift, was sich als sehr nützlich erweisen sollte. 35 Pflanzenarten konnten die Spaziergänger in den zweieinhalb Stunden kennenlernen, darunter auch solche, an denen man sonst wohl achtlos vorbeigeht oder sie als "Unkraut" im Hausgarten ausrupft.

Schon nach 20 Metern ruft die Kräuterfrau das erste Mal "Stopp": An einer schattigen Mauer rankt sich das grazile Zimbelkraut mit seinen kleinen lila Blüten. Sie zwickt ein Blättchen ab und steckt es in den Mund. "Schmeckt ein bisschen bitter wegen der Gerbsäure", erklärt sie. Früher habe man dem Kräutlein auch Heilkräfte bei Wunden und Entzündungen zugeschrieben. Im Verein mit anderen Wildkräutern gebe es eine herzhafte Würze. "Das schmeckt nicht", findet hingegen der fünfjährige Daniel. Dann geht es weiter zu einem duftenden Boten des Frühsommers: Holunder! Da können fast alle ihre Erfahrungen austauschen. Als Sirup oder in Pfannkuchenteig ausgebacken schmecken die Blüten wunderbar. Bei den schwarzen Beeren im Spätsommer ist Vorsicht angesagt: Wenn man sie nicht lange genug köchelt, kann der Kompott Durchfall verursachen. Gerlinde Kurzbach hat noch einen wichtigen Tipp: Beim Sammeln der Blüten darauf achten, dass der Blütenstaub nicht abfällt. Dieser gibt nämlich das herrliche Aroma.

Die Teilnehmer machen sich eifrig Notizen. Getrocknete Blätter von der wilden Brombeere? Gut für die "Winterbüchse", in der Gerlinde Kurzbach Kräuter für Teemischungen aufbewahrt. Steil wird der Weg, der jetzt in die Rebberge führt, an den Böschungen grünt und blüht es in fröhlichem Durcheinander. Da, der Löwenzahn am Wegesrand, ein Alleskönner, vom würzigen Salatkraut bis zum Löwenzahnhonig, den man aus den Köpfchen köcheln kann. Das Prinzip ist einfach: gesunde Blüten sammeln, 24 Stunden zusammen mit Zitronenscheiben in Wasser einweichen, dann mit Zucker köcheln, bis der Sud dickflüssig wird.

Und weiter geht’s bergauf, die Aussicht auf Rheinebene und Kaiserstuhl wird immer fantastischer. Gerlinde Kurzbach hat an einem Brennnesselstandort Halt gemacht. Zarte Teile der Pflanze einfrieren und daraus Tee kochen, wenn man Blasenprobleme hat. "Schmeckt allerdings etwas fade", meint sie. Ansonsten ist die Brennnessel für sie "die reinste Wundermaschine", der Brennnesselsamen soll auch als Viagra-Ersatz wirken. Auch der kleine Daniel kennt die Pflanze: "Wir haben im Kindergarten Brennnesselchips gemacht", berichtet er. Wenn man sich an der wehrhaften Pflanze gebrannt hat, wächst gleich nebenan das Gegenmittel: Spitzwegerichblätter, die man zerquetschen und mit dem grünen Saft die schmerzende Stelle einreiben kann. "Hilft sofort. Auch bei Bienenstichen zu empfehlen". Siehe da, die Natur als Freiluft-Apotheke.

Das Wissen reicht bis ins Mittelalter zurück

So stapft man bergan, vorbei an Unechtem Labkraut, Acker-Schachtelhalm und Johanniskraut. Und "wow", hier wächst sogar der seltene Erdrauch, mit dem einst die Schamanen ihre Räucherrituale trieben. "Nur bewundern", rät die Fachfrau angesichts der Seltenheit der Pflanze. Ein Butterbrot lässt sich mit den Köpfchen des Gänseblümchens aufpeppen. Man kann sie auch in Essig einlegen und als Kapern-Ersatz verwenden. Gundermann, Baldrian, Weißdorn werden begutachtet, beim Weitergehen können die Teilnehmer ihr Wissen schon anwenden, wenn eine der besprochenen Pflanzen wieder auftaucht. Mit einer Führung sei es nicht getan, erklärt Gerlinde Kurzbach. Man müsse sein Wissen immer wieder anwenden und erweitern, nur die genaue Kenntnis der Pflanzen verhindere auch die Verwechslung mit möglicherweise giftigen Doppelgängern. Johanniskraut, Breitwegerich, Gänsefingerkraut – die Stifte kritzeln eifrig mit, mit dem Handy werden Fotos gemacht. "Was ich Ihnen heute erzählt habe, ist nichts Neues", meint die Kräuterfrau. Es handele sich hier um uraltes Wissen, das teilweise aus dem Mittelalter überliefert ist. Ein kleiner Exkurs zum Thema Hexen, die man als kundige Heilerinnen mit dem Teufel in Verbindung wähnte, schließt sich an. Dann geht es zurück zum "Sternen", wo man in der schattigen Gartenwirtschaft den Durst löscht.