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08. August 2008 12:18 Uhr

Ausstellung im Haus Fischerzunft

Säckingen um 1900

"Säckingen um 1900 – Die industrialisierte Stadt" lautet der Titel der Ausstellung, die noch bis Ende August im Haus Fischerzunft zu sehen ist.

Die Ausstellung wirft Schlaglichter auf die Veränderungen, die die Stadt infolge der Industrialisierung erfahren hat. Schlaglichter, die auch das Verhältnis zu den Nachbargemeinden auf dem Hotzenwald beleuchten. Denn um 1900 war die Textilindustrie ohne die Arbeitskräfte von dort kaum denkbar.

Die Abhängigkeit von den Arbeitskräften vom Wald bestand in mehrfacher Hinsicht: Zum einen arbeitete eine hohe Anzahl der Hotzenwälder in Bad Säckingen, sei es als tägliche Einpendler, die den beschwerlichen Weg auf sich nahmen; sei es als Zuzügler, die ihrem kargen Leben auf dem Land in Richtung Stadt entflohen, weil die Erträge ihrer Höfe zur Ernährung der vielköpfigen Familien nicht ausreichten. Zwischen 1852 und 1900 nahm die Einwohnerzahl in Bad Säckingen um 116 Prozent zu. Aber oft tauschten die Umsiedler ein karges Leben mit einem nicht weniger kargen. So verdiente ein Stoffdrucker in einer Weberei einen Tageslohn von 2,90 Mark. Meist arbeitete auch die Frau als Heimarbeiterin mit. Bei neun bis elf Stunden Arbeit, meist bis 23 oder 24 Uhr in der Nacht, betrug ihr täglicher Verdienst etwa 1,20 Mark. Für drei Zimmer und Küche mussten 18 Mark Miete bezahlt werden – der Rest musste zur Ernährung des Ehepaars und ihrer bis zu zehn Kinder reichen.

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Ebendiese mussten ihre Familien früh finanziell unterstützen. So waren im Jahr 1910 in der Bad Säckinger Seidenweberei Naef zwar keine Kinder unter 14 Jahren beschäftigt. Aber Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren arbeiteten in der Fabrik von 6.30 Uhr bis 15.30 Uhr. Dazwischen lagen eine Stunde Mittagspause sowie je eine halbstündige Pause am Vormittag und Nachmittag – auch samstags wurde gearbeitet.

Heimarbeit gab es aber nicht nur in der Stadt, von besonderer Bedeutung waren die Heimarbeiter der Hotzenwaldgemeinden für die Bandweberei. So befanden sich um die Jahrhundertwende allein im Amtsbezirk Säckingen über 300 Webstühle, die in Heimarbeit betrieben wurden. Viele davon auf dem Hotzenwald. Sie waren für die Familie neben einer kleinen Landwirtschaft die einzige Einnahmequelle. Oft mussten die Frauen mitarbeiten und auch die Kinder wurden nicht geschont, wenngleich das Mindestalter auch hier offiziell 14 Jahre betrug. Immerhin, die verbreitete Heimarbeit brachte eine bedeutende Strukturverbesserung für den Hotzenwald: Mit der Einführung der elektrischen Webstühle gelangte auch der Strom auf den Wald. Eine gemeinsam von den Hauswebern der Waldgemeinden in den Amtsbezirken Säckingen und Waldshut und den Bandwebern gegründete Genossenschaft erschloss weite Teile des Hotzenwalds bis 1905 mit elektrischer Energie. Nicht unbedingt allein zum Nutzen der Weber: Ihre Einkünfte erhöhten sich nicht, dafür wurden sie mit den zusätzlichen Ausgaben belastet: 250 Mark kostete jedem Weber ein Webstuhl, darin enthalten: der Genossenschaftsbeitrag, der Motor und die notwendigen Hausleitungen.

Der erste Weltkrieg stürzte dann nicht nur die Textilindustrie in Säckingen in eine Krise; Kriegs- und Kriegsfolgen machten auch weitgehend die Heimarbeiter auf dem Hotzenwald überflüssig.

Die Ausstellung im Haus Fischerzunft ist bis zum 31. August zu sehen und jeden Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, Führungen sind nach Vereinbarung möglich, Tel. 07761/929 927.

Autor: sts