Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

14. August 2012

Ludger Lütkehaus: Schwarzsehen heißt Hellsehen

"Das Schlimmste kommt zuletzt": Aphorismen über die letzten Dinge des Freiburger Autors Ludger Lütkehaus.

  1. Ludger Lütkehaus Foto: Schneider

Da ist kein Vertun. Hier geht es um letzte Dinge. Der Titel kündigt nichts Erquickliches an: "Das Schlimmste kommt zuletzt." "Philosophische Bonsais" verspricht der Freiburger Literaturwissenschaftler, Publizist und Autor Ludger Lütkehaus den Lesern dieser Sammlung – und es wird erklärt, was unter diesen Gewächsen zu verstehen ist: "Kreuzungen von Aphorismen und Essays im Umfang von Miniaturen." Kein ganz geringer Anspruch, den der Band indes auf seine Weise erfüllt. Man könnte der Einfachheit halber zwar gleich von Aphorismen sprechen. Doch in Anbetracht der Schwere der Themen, die einem zugemutet wird, sorgt der Begriff "Bonsai" durchaus für einen formalen Ausgleich, mag für den 1943 geborenen Autor auch eine pragmatische Erklärung ("Altersgemäß schrumpfen die Formate") nahe liegen.

Raum für Luft zum Durchatmen muss sein zwischen den Reflexionen, die der philosophisch fundierte Autor ("Nichts") in Kapiteln wie "Vom Alter", "Vom Tode", "Von der Selbsttötung" und "Von Liebe, Alter und Tod" dem Publikum zumutet. Von unbequemen Gedanken zu sprechen, wäre eine unzulässige Schönfärberei. Es sind schwarze und schwärzeste Ansichten, die Lütkehaus mühelos in eine Reihe mit Emile Cioran, dem Dichter des Nihilismus, stellen. Davon allerdings ist ihr Verfasser überzeugt: "Schwarzsehen heißt Hellsehen." Also aufgepasst: Hier ereignet sich Wahrheit. Diesen Anspruch hat der Experte für das Nichts, der Schopenhauerianer und erklärte Atheist. Das "Es könnte auch anders sein", die Losung aller Skeptiker und Moralisten in der Nachfolge Michel de Montaigne, gilt für ihn, den radikalen Verneiner, nicht.

Werbung


Brillant und vehement, eloquent und unerbittlich verfolgt Lütkehaus den Lebenslauf eines Intellektuellen "von der These zur Prothese", "vom Röcheln zum Verröcheln". Angesichts der vielen munteren und fitten Alten, die die Medien und die Werbung bevölkern, wirken Lütkehaus’ bittere Einsichten in den Prozess des körperlichen Verfalls wie eine eiskalte Dusche.

Und es kommt, wie versprochen, noch schlimmer. Wer sterben muss, wäre am besten nicht geboren: "Entstehen, um zu vergehen – what’s the use of it?" Wer so denkt, dem wird der Schrei des Neugeborenen zum ersten Akt der Verneinung – und der einzige Weg aus dem Gefängnis des Lebens ("Wer lebt, lebt lebenslänglich") ist die Selbsttötung, die Freiheit zum Tode. Daraus zieht der Autor die doch erstaunliche Erkenntnis: "Die Evolution läuft auf die Selbsttötung zu." Am nachdenklichsten und nachdenkenswertesten sind die "Bonsais" über Liebe, Alter und Tod geraten. Wie es ist, wenn sich Liebe und Tod nicht trennen lassen. Wenn der Liebe nur das "Nachsterben" bleibt. Wenn die Trauer um den Toten auf das Ende der Trauer hinarbeiten muss, damit das Ich überleben kann. Lütkehaus, der Unerbittliche, nennt das den "letzten Treuebruch". Wie dieser Autor zum Christentum steht, ist kein Geheimnis. Er hat es als Trauma seiner Kindheit erlebt und ist für alle Zeit von ihm geheilt. Die polemischen "Aphorismen zur Gotteswissenschaft" darf man beim Lütkehaus-Leser als bekannt voraussetzen.

Die Taufe als Beerdigung, das "arme Schwein" Josef, Gottes Speichellecker: Wo ihm die (offenbar immer noch vorhandene) Empörung die Hand führt, bleibt Lütkehaus unter seinen denkerischen Möglichkeiten. "Was einem Glaubensbedürfnis entspricht, kann nicht wahr sein": Solche apodiktischen Behauptungen sind eines freien Geistes unwürdig. Der Atheismus als Fundamentalismus: Zum Glück blitzt gerade in diesem Kapitel auch immer wieder der schwarze Humor auf, über den der gewesene Katholik Ludger Lütkehaus in reichem Maß verfügt. Er vor allem verhindert, dass seine Bonsais sich zu die Sicht versperrenden Gehölzen auswachsen.
– Ludger Lütkehaus: Das Schlimmste kommt zuletzt. Philosophische Bonsais. Schwabe Verlag, Basel 2011. 116 Seiten, 13,80 Euro.

Autor: Bettina Schulte