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29. Oktober 2016

Die hohe Kunst, nicht reinzureden

BZ-SERIE: Tilmann Späth ist Orgelbauer in Hugstetten in der fünften Generation / Frühe Freiheit für den Junior.

  1. Inzwischen tanzt bei der Firma Freiburger Orgelbau alles nach Tilmann Späths Pfeife. Foto: Julius Wilhelm Steckmeister

  2. Tilmann und Hartwig Späth mit dem Gesellenstück des Juniors, einer Orgel im Miniaturformat Foto: Julius Steckmeister

MARCH-HUGSTETTEN. Seit 1967 ist die ehemalige Zigarrenfabrik in der Hugstetter Herrenstraße Sitz der Firma Freiburger Orgelbau. Das Familienunternehmen selbst kann jedoch bereits auf mehr als 150 Jahre Orgelbautradition zurückblicken. Mit gerade einmal 24 Jahren wurde Tilmann Späth Mitinhaber der väterlichen Firma, deren Geschicke er heute maßgeblich lenkt. Zum reibungslosen Generationswechsel haben Vater Hartwigs Umsicht, Tilmanns frühe Einsicht, vor allem aber gegenseitiger Respekt einen maßgeblichen Beitrag geleistet.

1862 begann die Orgelbautradition in der Familie mit Alois Späth, der damals in Ennetach bei Sigmaringen die Werkstatt seines Lehrherren übernahm. Tilmanns Großvater August wechselte 1964 in die Freiburger Filiale und gründete zusammen mit Tilmans Vater Hartwig die Firma Freiburger Orgelbau, die bald darauf nach March-Hugstetten umzog. 1979 schließlich wurde der damals 37-jährige Orgelbaumeister Hartwig Späth Nachfolger seines Vaters.

"Als ich in den 50er Jahren die Lehre gemacht habe, war Selbstfindung noch nicht so das Thema", blickt Hartwig Späth, Jahrgang 1942, auf seinen Einstieg in die Familientradition zurück. "Meine zwei älteren Brüder hatten kein Interesse, ich war schon immer gerne in der Werkstatt. Also hat mein Vater gesagt, du wirst Orgelbauer", so Späth über den pädagogischen Pragmatismus der 50er Jahre.

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Hartwig Späth selbst hat ebenfalls drei Kinder: zwei Töchter und den Jüngsten, Tilmann. Und ein wenig wiederholte sich, was bereits in der Generation zuvor der Fall gewesen war. "Die Mädchen wollten nicht, obwohl das natürlich auch eine Frau gekonnt hätte", sagt Tilmann Späth über die großen Schwestern mit dem kleinen Interesse an dem alten Handwerk. Was der Jüngste, der zunächst das Gymnasium besuchte, nicht wollte, war das Abitur zu machen. "Er hatte keinen Spaß an der Schule, war aber von klein auf gerne in der Werkstatt", erinnert sich Vater Hartwig.

Der Sohn wechselte deshalb zunächst die Schulbank: Vom Gymnasium ging es für ein Jahr auf die Holzfachschule nach Freiburg. Was nun folgte war – zumal für den gerade 17-Jährigen Tilmann Späth – kein ganz leichter, ein für die "friedliche Übernahme" des Unternehmens aber zentraler Schritt: Statt bei Papa in March in die Lehre zu gehen, ging es zum Orgelbauer Rensch in Lauffen am Neckar. "Das war Absicht, um die spätpubertäre Phase zu überwinden. Es war besser, das mit der Disziplin zu delegieren", sagt Hartwig Späth augenzwinkernd. Inzwischen kann auch Späth junior wieder lachen. Anfangs war es aber nicht ganz leicht. "Es waren meine prägenden Jahre, mit 17 ausziehen, die erste eigene Wohnung, richtig selbstständig sein. Ich habe viel gelernt – auch menschlich", lautet sein Fazit.

2004 fing der frisch gebackene Orgelbauergeselle nun doch beim Vater an. Viel Zeit zum Ausruhen ließ dieser dem Junior aber nicht, denn der seinerzeit schon 62-Jährige wollte seien Nachfolge geregelt wissen – zügig. "Nach zwei Jahren hast du mich schon auf die Meisterschule geschickt", erinnert sich Tilmann Späth an die gewisse Eile in seinem Werdegang. Kein Wunder also, dass er als bisher jüngster Meister in die Geschichte der Ludwigsburger Lehranstalt einging.

"Ich habe einen Beruf,

in dem ich mich finde

und auf den ich stolz bin"

Tilmann Späth
Mit einem Rucksack voll Theorie und einiger handwerklicher Praxis war es dann soweit: Mit 24 Jahren wurde Späth Junior von Späth Senior zum Mitinhaber der Traditionsfirma gemacht. Tilmann Späth konstruierte erste Orgeln selbst, und Selbstständigkeit war es auch, die Vater Hartwig fördern wollte. "Wir haben uns die Projekte aufgeteilt. Für seine Aufträge trug er die komplette Verantwortung", verrät Hartwig Späth ein weiteres Rezept, wie ein Generationswechsel glücken kann. Die, wie Hartwig Späth sagt, "Kunst des nicht Reinredens".

In Tilmann Späths Anfangszeit als Firmenmitinhaber fiel gleich eines der größten Projekte der Marcher Orgelbauer: die Restauration der Hauptorgel der St. Michaelis Kirche in Hamburg. "Ich war da das erste Mal alleine auf Terminen", blickt der Orgelbauer, der sich zunächst unter den gesetzten Herrschaften doch eine wenig wie ein Benjamin vorkam, auf das Mammutprojekt zurück. "Für mich war es der endgültige Einstieg, für meinen Vater der Höhepunkt und Ausstieg", fasst er 2009 und 2010 zusammen.

Was sich verändert habe, seit der Junior das Sagen hat? Hartwig Späth lacht. "Tilmann duzt sich mit allen, das ist ein typisches Merkmal der jungen Generation. Und er kann sehr gut mit Menschen umgehen – mit Mitarbeitern wie Kunden", sagt der Senior. Und ja, heute "ginge halt alles mit dem Computer".

Im Geschäft ist Hartwig Späth noch fast jeden Tag. Aber, wie er selbst sagt, als eine Art Hausmeister. Nur "ganz wichtige" Geschäftsreisen treten Vater und Sohn noch gemeinsam an, beispielsweise für das jüngste Großprojekt der Firma: einen gewaltigen Orgelneubau für ein noch gewaltigeres Kulturzentrum in der chinesischen Provinzhauptstadt Kumming. Die gigantische Orgel aus rund 10 000 Einzelteilen wurde zunächst in der kleinen Marcher Werkstatt aufgebaut.

Im September kam eine chinesische Delegation, um das monströse Meisterwerk vor seiner Verschiffung in die Volksrepublik in Augenschein zu nehmen. Anschließend reiste Juniorchef Tilmann samt Team ins Reich der Mitte, um den Giganten aus Holz, Metall und jeder Menge Technik dort erneut und diesmal endgültig aufzubauen.

"Hausmeister Hartwig" hingegen ist zufrieden mit seinem neuen, ruhigeren Aufgabenfeld. "Denn es ist das Schlimmste", ist Späth Senior überzeugt, "wenn der Alte nicht loslassen kann und immer noch bestimmen will".

Zweifel an seiner Entscheidung hat auch Tilmann Späth nicht. "Ich habe einen Beruf, in dem ich mich finde und auf den ich stolz bin – einen ganz besonderen Beruf", sagt der junge Firmenchef. Ein neuer Auftrag aus China ist bereits in der Pipeline.

INFO: Orgelbau Späth

Gegründet wurde die Orgelbauwerkstatt 1862. Sie befindet sich in der fünften Generation in Familienbesitz. Zu den zwölf Mitarbeitern gehören vier Auszubildende. Das Team baut neue Orgeln, restauriert und renoviert aber auch alte Instrumente. Die größten Projekte der vergangenen Jahre waren die Restaurierung der Steinmeyer-Orgel St. Michaelis in Hamburg (2009/10) und aktuell der Orgelneubau in Kunming, Provinz Yunnan, China.  

Autor: just

Autor: Julius Steckmeister