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01. April 2017

Vom Flüchtling zum Pflegeazubi

Lamin Muhammad Manneh beginnt eine Ausbildung zum Altenpfleger im Marcher Seniorenzentrum / Einspruch gegen Abschiebung.

  1. Beliebt bei Kollegen und Chefetage: Lamin Manneh (Zweiter von rechts) mit Heimleiterin Gabriele Willich (links), Kollegin Diana Emma Carballo Gutierez aus Mexiko und Pflegedienstleiter Benjamin Matt. Foto: Julius Steckmeister

MARCH. Vor rund zwei Jahren war der heute 24-jährige Gambier Lamin Manneh in die Behelfsunterkunft am Sportplatz in Hugstetten gezogen – und damit fast unmittelbar neben das Seniorenzentrum. Bereits nach einem eintägigen Praktikum Mannehs in der Einrichtung stand für Heimleiterin Gabriele Willich fest: "Wir behalten Herrn Manneh – er hat so viel Herz." Nun wurden Wege gesucht, den Flüchtling aus Afrika langfristig ins Heim zu holen, zunächst über den Bundesfreiwilligendienst (BFD).

"Am Anfang war da Skepsis", blickt Heimleiterin Willich auf den Einzug der ersten Flüchtlinge in die Containeranlage am Sportplatz Anfang 2015 zurück. Um diese schnell abzubauen, machten sich die Heimbewohner mit ihren Alltagsbegleitern auf den Weg und besuchten die Neuankömmlinge. Wenig später wurden die damals rund 20 Container-Bewohner zum Kaffee ins Seniorenzentrum eingeladen, unter ihnen Lamin Manneh. "Wer mag ein Praktikum machen?", hatte Gabriele Willich damals gefragt. Lamin Manneh, der fließend Englisch spricht, mochte – und mochte bleiben. In Gambia hatte er bereits acht Monate Biologie studiert und im Rahmen des Studiums auch klinische Erfahrung gesammelt. Aber nicht nur die fachliche Vorerfahrung, sondern besonders sein Umgang mit älteren, pflegebedürftigen Menschen überzeugten die Heimleiterin und Pflegedienstleiter Benjamin Matt. "Herr Manneh hat viel Respekt vor alten Menschen, er zeigt eine sehr hohe Einsatzbereitschaft und vor allem das Herz am rechten Fleck. Lamin Manneh ist Pflege", sagt Gabriele Willich.

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Weniger einfach gestaltete sich das Organisatorische, denn Lamin Manneh hat lediglich eine Aufenthaltsgestattung und zudem als Gambier keinen Anspruch auf staatlich bezahlte Deutschkurse. Dennoch gelang es, den jungen Mann zunächst für ein Jahr als "Bufdi" im Heim zu beschäftigen. Sprachunterricht organisierte der Helferkreis, namentlich Claudia Probst, bei der Manneh inzwischen auch eine eigene Wohnung bezogen hat, über Ehrenamtliche und Spenden.

Lamin Manneh lacht. Ja, das Sprechen ist noch etwas schwierig, das Verstehen hingegen klappt schon gut – außer beim Dialekt. Nach den zwölf Monaten als "Bufdi" wurde der angehende Altenpfleger über den Ende 2015 ins Leben gerufenen Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug (BFDmF) weiter beschäftigt.

Die deutsche Sprache muss sitzen

Diese Maßnahme lief Ende Februar aus, jedoch stand da bereits fest, dass das DRK den Gambier zum Altenpflegehelfer ausbilden würde. Der Vertrag für den Ausbildungsbeginn am 1. April war quasi schon gedruckt. "Dann kam der Abschiebebescheid", berichtet Claudia Probst. Innerhalb von 30 Tagen, so die Nachricht, müsse Manneh das Land verlassen. "Völlig unverständlich", so Probst und Willich. Erstere wendete sich an das Südbadische Aktionsbündnis gegen Abschiebung (Saga), das die notwendigen rechtlichen Schritte einleitete und Widerspruch gegen den Bescheid einlegte. Letztere war weiter entschlossen, Lamin Manneh auszubilden. Allerdings schützt in der Regel nur eine dreijährige Ausbildung vor der Abschiebung. Und so wurde aus dem Angebot, die zwölfmonatige Ausbildung zum Altenpflegehelfer zu machen, kurzerhand jenes, in 36 Monaten Fachkraft für Altenpflege zu werden.

So könnte die "3 + 2-Regelung" greifen, die vorsieht, dass Auszubildende während ihrer dreijährigen Lehrzeit und einer anschließenden zweijährigen Beschäftigung nicht abgeschoben werden dürfen. "Dieser Weg ist nicht die Regel", betont Ursula Schneider vom DRK-Kreisverband. Denn die Ausbildung ist anspruchsvoll – insbesondere für jemanden, der die deutsche Sprache erst erlernen muss. Um Altenpflegefachkraft zu werden, ist das hohe Sprachniveau B 2 erforderlich. Für Lamin Muhammed Manneh heißt es nun also Büffeln. Neben dem intensiven Erlernen der Pflegetätigkeit, dem Einschätzen von Krankheitsbildern und dem Einleiten entsprechender Maßnahmen muss die deutsche Sprache sitzen – und das in einer Prüfung auch nachgewiesen werden. Dialekt allerdings wird nicht verlangt.

Autor: Julius Steckmeister