Vom Landadel und den Bauern

Helmut Rothermel

Von Helmut Rothermel

Sa, 04. März 2017

March

Marchs früherer Archivar Thomas Steffens spricht über die "Stürtzel von Buchheim" und ihre Marcher Untertanen.

MARCH/FREIBURG. Im Jahr 2019 wird Buchheim 1250 Jahre alt. Dazu erscheint auch eine neue Ortschronik, erstellt unter der Federführung von Thomas Steffens. Der bis 2010 als Archivar für March tätige Historiker hielt kürzlich den Vortrag "Herrschaftspraxis auf dem Lande. Die Stürtzel von Buchheim als ’March-Herren’ (1491 – 1790)", im Alemannischen Institut in Freiburg.

Im Jahr 1491 kaufte der 1434 oder 1435 in Kitzingen bei Würzburg geborene Jurist und öniglicher Hofkanzler Conrad Stürtzel die Marchdörfer Buchheim, Hochdorf, Benzhausen, Hugstetten und Holzhausen von dem verschuldeten Ritter David von Landeck zu Wiesneck. Er begründete damit die 300-jährige Herrschaft seiner Familie, die bald in den Breisgauer Ritterstand aufstieg und deren Mitglieder lange Zeit in landesfürstlich habsburgischen Diensten standen oder als Geistliche wirkten. Die Stürtzel durften sich nach dem Anfang des 16. Jahrhunderts von Conrad erworbenen Schloss in Buchheim nennen, bereits seit etwa 1483 besaßen sie das Freiburger Bürgerrecht. Zeichen ihres beträchtlichen Vermögens waren der prächtige Stadthof, der spätere Basler Hof sowie die Familienkapelle im Freiburger Münster, deren Malereien von Hans Baldung Grien mitkonzipiert wurden.

Grundlage der Einkünfte waren die recht kleinen Marchdörfer. Buchheim, als Stammsitz der größte und bedeutendste Ort, zählte rund 150 bis 170 Seelen, weit weniger als die wirtschaftlich potenten Kaiserstuhlorte wie Bötzingen, Eichstetten und Bahlingen. Wichtigste Einnahmequelle waren die bei den Bauern verhassten Fronleistungen.

Gegenüber den benachbarten Herrschaften hervorgehoben waren die Stürtzel durch ihre königlichen Privilegien. Dazu zählte die Hoch- und Blutgerichtsbarkeit. Als der von Kanzler Conrad 1504 in einem Prozess wegen Mordes an seinem Sohn zum Tode verurteilte Philipp Bader aus Benzhausen in Buchheim hingerichtet wurde, sollen fast 4000 Menschen zugeschaut haben. Ein weiteres Privileg war zudem das Aufsichtsrecht über die gesamte Waldnutzung in der March, die die Stürtzel zum Nachteil ihrer Untertanen und dem eigenen Vorteil ausnutzten.

Der Unmut hierüber spielte vermutlich eine Rolle bei der Beteiligung der Marcher Dörfer am Bauernkrieg 1525. Nach der Niederschlagung des Aufstands baten die Bauern um Gnade. Sie seien unter Drohungen gezwungen worden, gegen Freiburg und das Schloss Zähringen zu ziehen. Im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert waren das Geschlecht der Stürtzel kaum mehr in herausgehobenen Ämtern zu finden, es fand ein Rückzug ins Private statt. Wie viele andere Breisgauer Landadlige interessierten sie sich vornehmlich für ihre Dörfer und Einkünfte.

Es kam zunehmend zu finanziellen Problemen, die eine standesgemäße Lebensführung schwierig machten. Der Versuch, die herrschaftlichen Rechte voll und oft auch übermäßig auszuschöpfen, kollidierte mit einer wirtschaftlichen Verschlechterung der Lebensumstände seit dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648). Ein starker Bevölkerungsanstieg und die Verkleinerung der Höfe durch die Erbsitte der Realteilung schufen eine wachsende Schicht von Kleinbauern und Tagelöhnern, die notdürftig ihr Dasein fristeten. Zugleich gaben die besser gestellten, seit Mitte des 17. Jahrhunderts auch in den Genuss von Schulbildung gekommenen, aber oft halsstarrigen Bauern immer stärker den Ton an. Sie beklagten besonders die Ausweitung der Herrschaftsrechte und die Zunahme der Fronen. Das Konfliktpotential wuchs und entlud sich von 1720 bis 1722 und vor allem von 1742 bis 1755 in den schwersten Unruhen und Rebellionen seit dem Bauernkrieg. Die Bauern erklärten ihre Leibeigenschaft für null und nichtig, verweigerten den Gehorsam und forderten die Wahl von Bürgermeistern.

Eine jahrelange Verweigerung von Abgaben und Fronen brachte die Familie Stürtzel an den Rand des Ruins. Erst 1755 gelang es dem Deutschordenskomtur Alexander Stürtzel den Konflikt beizulegen. Durch den Verkauf von Besitz gelang es, die Vermögensverhältnisse wieder einigermaßen in Griff zu bekommen. Alexander starb 1790 als letzter männlicher Stürtzel. Das restliche Vermögen konnte er für seine Erben retten: Seine Nichte Gräfin Überacker, Herrin von Hugstetten, und deren Gatten Franz Stephan von Schackmin, waren nunmehr neuer Inhaber der Lehen Buchheim und Hochdorf.