"Meine Lebensaufgabe, die mich erfüllt"

Felix Lieschke

Von Felix Lieschke

Do, 14. Juni 2018

Friesenheim

Auf rund 90 Konzerte in ganz Deutschland bringt es Gitarrist Roberto Legnani dieses Jahr / Am 24. Juni tritt er in Heiligenzell auf.

FRIESENHEIM-HEILIGENZELL. Roberto Legnani tourt unentwegt. Fast täglich wechselt er den Ort, spielt ein, manchmal zwei Konzerte irgendwo in Deutschland. Seine Aufgabe: Die klassische Gitarre fördern und fordern. Am 24. Juni spielt er im Schlössle in Heiligenzell klassische Kompositionen aus Deutschland, Irland, Italien und Spanien. Felix Lieschke hat sich mit Legnani über die Belastung und Freude solch einer Tournee unterhalten.

BZ: Herr Legnani, laut Tourplan müssten Sie gerade auf dem Weg nach Pritzwalk im Norden Deutschlands sein?

Legnani: Das stimmt. Ich habe eine kurze Pause, zumindest einen Tag, an dem kein Konzert stattfindet.

BZ: Ich habe Ihre Tourtermine mal durchgezählt. Heiligenzell wird das 60. Konzert dieses Jahr. Wie schaffen Sie das?

Legnani: Es sind eigentlich rund 90 Konzerte. Meine Solo-Tournee hat schon im vergangenen November begonnen und geht noch bis September. Ich habe aber nicht alle Termine durchgezählt.

BZ: Wird Ihnen das nicht zu viel?

Legnani: Ich bin, ehrlich gesagt, ein bisschen melancholisch gestimmt, da es nun auf das Tournee-Ende zugeht. Am Anfang denkt man, dass es eine enorme Herausforderung wird, die vielen Konzerttermine gut zu meistern; dann die anstrengenden Autobahnfahrten, die mich durch nahezu alle Bundesländer Deutschlands führen. Und dann entwickelt die Tournee ihr eigenes Tempo, Entfernungen und Zeit bekommen eine andere Dimension. Plötzlich ist alles vorbei, und es überkommt einen eine tiefe Dankbarkeit.

BZ: Hat sich dabei eine Konzertroutine entwickelt?

Legnani: Ja, es gibt eine gewisse Routine, wenn man täglich Auftritte hat – an manchen Sonntagen sogar zweimal. Aber nicht in dem Sinn, dass alles unbeteiligt und automatisch läuft. Ich bin eher im Fluss, ein mental durchaus beglückender Zustand in völliger Konzentration. Auch dieser Effekt entsteht nicht automatisch, er erfordert Disziplin, Erfahrung und Kraft. Der Tournee-Alltag hat prinzipiell keinen Platz für Routine, er beschert die unterschiedlichsten Situationen. Auch die Mentalität und Aufmerksamkeit der Konzertbesucher sind von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich.

BZ: Können Sie durch das Programm etwas Abwechslung schaffen?

Legnani: Im Verlauf einer Tournee tausche ich immer mal wieder einzelne Werke aus, denn die Abwechslung ist für meine eigene Spielfreude wichtig. Zudem hat die klassische Gitarre ein erstaunlich umfangreiches Repertoire. Ein Gitarristenleben reicht gar nicht aus, um alles zu spielen. Vergleichbar ist vielleicht nur das Repertoire des Klaviers.

BZ: Wie wählen Sie aus, was dem Publikum gefallen könnte?

Legnani: Da sich die Hörgewohnheiten und das Publikum ständig verändern, wähle ich vorweg nicht Musikstücke für den mir unbekannten Publikumsgeschmack aus. Viel wichtiger ist es, Stücke zu spielen, die mich selbst berühren, die die eigene Spielfreude und Fähigkeiten fördern. Die Kompositionen lassen sich dann viel besser und lebendiger erzählen. Die Besucher kommen in ein Konzert, um unterhalten zu werden. Sie wollen schöne Musik hören und genießen. Ein Konzert kann bis zum letzten Ton spannend sein, wenn sich Interpret und Publikum aufeinander einlassen.

BZ: Ich muss nochmal auf Ihr Marathonprogramm zurückkommen. Warum tun Sie sich so viele Konzerte in einem Jahr an?

Legnani: Abgesehen von den anstrengenden Autobahnreisen mit den unendlich vielen Baustellen sehe ich die Tourneen und die Vorbereitungen dafür als meine Lebensaufgabe, die mich erfüllt. Ferner geht es mir auch darum, das Interesse für die klassische Gitarre wach zu halten, beziehungsweise in manchen Regionen neu zu beleben. Kinder von heute sind die Besucher von morgen, deshalb erhalten Kinder unter zwölf Jahren freien Eintritt zu den Konzerten. Trotzdem sieht man Schüler von Jugendmusikschulen heute nur spärlich in den Aufführungen – ein gesellschaftlicher Trend, den ich sehr schade und bedenklich finde. In früheren Tournee-Jahren kamen sogar ganze Schulklassen mit großer Begeisterung in meine Konzerte.

Roberto Legnani hat Hochschule für Musik in Freiburg studiert und später an der Albert-Ludwig-Universität gelehrt. Er war Gastdozent in Minnesota und mehreren Stationen in Südkorea. Legnani veranstaltete Konzertreisen durch Europa, die USA, Israel und Südkorea. Heute lebt er in der Nähe von Straßburg.