Mut zur Macke

MOMENT MAL: Über Lese- und Lebenszeit

Stephanie Streif

Von Stephanie Streif

Sa, 03. Februar 2018

Liebe & Familie

Jeder hat so seine Zwänge. Der eine schafft es nicht, in eine öffentliche Toilette zu pinkeln, wenn nebenan jemand sitzt und zuhört, wie es plätschert, der andere hält es schier nicht aus, wenn ein Bild links um ein, zwei Millimeter tiefer hängt als rechts. Und wieder anderen gelingt es nicht, ein angefangenes Buch aus der Hand zu legen, obwohl es grottenschlecht ist. So einem Zwang – oder sagen wir doch besser Spleen oder Macke dazu (klingt harmloser) – ist nur leider nicht mit guten Argumenten beizukommen. Was soll man auch sagen, wenn das Gegenüber kopfschüttelnd fragt: "Wozu lesen, was doof ist?", oder einem vorrechnet, dass jedes Jahr rund 90 000 Bücher neu und in Erstauflage erscheinen. Und als müsse das Argument noch untermauert werden, wird noch eine zweite Rechnung aufgemacht – nämlich die der Lebensdauer: Drei, vier Bücher im Monat, das mache im Schnitt 42 Bücher pro Jahr, hochgerechnet auf ein durchschnittliches Frauenleben abzüglich der ersten sechs lesefreien Jahre seien das 3150 Bücher. Heißt: Alles, was schlecht ist, sollte umgehend zugeschlagen werden, um bloß keine wertvolle Lesezeit zu verschwenden. Wie auf so viel Zahlen antworten? Mit einem zustimmenden "Mh" oder einem überlegenden "Hm"? Vielleicht wird das Buch auf Seite 267 doch noch spannend. Darum besser nichts sagen – und weiterlesen. Mehr Mut zur Macke.