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21. Juli 2010

Unterm Strich

E-Book-Boom: Es gibt noch Hoffnung

Bettina Schulte sieht dem E-Book-Boom in den USA mit europäischer Ruhe entgegen.

Beim Öl soll der Peak ja erreicht sein – die Spitze der Förderung, nach der es bergab geht mit den fossilen Energieträgern. Der amerikanische Buchgroßversand Amazon vermeldet jetzt einen Peak, der auf geistigem Gebiet von ähnlich erschütternder Wirkung sein könnte: Der weltgrößte Online-Händler verkauft inzwischen deutlich mehr elektronische als gebundene Bücher: Im Juni kamen auf 100 konventionelle Druckerzeugnisse 180 E-Books – für Lesegeräte wie den hauseigenen Kindle, aber auch für Apples Produktpalette. Seit dem (Fehl-)Start des E-Books vor rund zehn Jahren hat man auf diesen Moment eigentlich nicht mehr gewartet: Gepriesen wurden seitdem allerseits die sinnlichen Freuden der Lektüre; schaudernd wandte man sich ab von der Vorstellung, mit einem so kalten glatten Ding statt einem gemütlichen Schmöker unter die Bettdecke kriechen zu müssen

Nun also doch! Die Erkenntnis, dass sich neue Medien durchsetzen, scheint sich wieder einmal zu bestätigen. Erfüllt sich jetzt das Menetekel vom Untergang der abendländischen Buchkultur? Droht der Tod des Billy-Regals? Werden künftige Wohnungen frei sein vom Virus lockender Lesefreuden, Buchrücken an Buchrücken? Wollen die Leute Romane wirklich auf dem Handy lesen? Und das raschelnde fiebrige neugierige Blättern in eleganten Taschenformaten oder briketthaften Wälzern durch einen dummen Tasten- oder Knopfdruck ersetzen?

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In Amerika, dem Kontinent der unbeschwerten Mobilität und des bodenständigen Pragmatismus, mag ein Siegeszug des charakter- und formlosen E-Books ja möglich sein; man spart schließlich auch Zeit, wenn Suchprogramme einem gleich die interessanten Stellen liefern. Aber doch nicht in der Gutenberggalaxis mit ihrer unverdrossen blühenden Verlagslandschaft und dem Lieblingsbuchhändler um die Ecke! Welcher wahre Bücherfreund bestellt sein kostbares Gut seelenlos bei Amazon? Auch würde hier niemand freiwillig auf sein Billy verzichten. Es gibt noch Hoffnung.

Autor: bs