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12. September 2017

UNTERM STRICH: Haste was, spielste was

Bildung und Einkommen beeinflussen das Interesse an der Musik / Von Alexander Dick.

Zum Beispiel Johann Sebastian Bach. Das Genie der Barockmusik stammte aus einer weitverzweigten Familie von Stadtpfeifern und Organisten, war mit neun Jahren bereits Vollwaise und kam danach bei seinem älteren Bruder Johann Christoph unter. Viel Geld war da nicht. Zum Beispiel Richard Wagner. Sechs Monate nach seiner Geburt starb der Vater, die Mutter heiratete ein knappes Jahr später einen Schauspieler und Dichter. Aber auch der Stiefvater starb, als Richard acht war. Zum Beispiel Johannes Brahms – Vater Tanzmusiker – Kindheit in Armut.

Sie alle hätten der Studie zufolge, die die Bertelsmann-Stiftung bei der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover in Auftrag gegeben hatte, heute wenig Chancen auf musikalische Bildung. Soziale Ungleichheit im deutschen Bildungssystem setzt sich demnach auch in der musikalischen Bildung fort. Haste was, spielste was. Haste kein Klavier, musste eben Vorstadt-Rapper werden.

Das ist jetzt natürlich wahnsinnig zynisch. Die Herren Bach, Wagner, Brahms – und viele andere ihrer Kollegen – wurden nämlich in das richtige Umfeld hineingeboren. Da war zwar überall nicht viel Geld, dafür umso mehr Musik. Und die Liebe dazu. Wie also hätte ein Johann Sebastian Bach angesichts so viel Vorprägung zum Kleinkriminellen oder Investmentbanker werden sollen? Andererseits: So viel anders ist es heute auch nicht. Haben die Eltern Abitur, verdopple sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Jugendlicher ein Instrument spiele, sagt die Studie. Und umgekehrt. Und auch wenn immer mehr Jugendliche Musik machten (2001: 19 Prozent – 2015: 29 Prozent), schließe dieser Aufwärtstrend Schichten mit niedrigem Einkommen und Bildungsstatus nicht ein. Was also tun? Mehr Förderung für die Benachteiligten, fordert der Deutsche Musikrat. Tatsache aber ist, dass es um den Musikunterricht schlecht bestellt ist. Auch vielen Eltern und Politikern sind die "effizienten" Fächer wichtiger. Es scheint, als hätten Arme wie Bach & Co noch ziemliches Glück gehabt.

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Autor: adi