UNTERM STRICH: Im Auge des Betrachters

Niklas Arnegger

Von Niklas Arnegger

Mi, 16. Januar 2019

Kolumnen (Sonstige)

Kein Mona-Lisa-Effekt bei der Mona Lisa / Von Niklas Arnegger.

In der Renaissance waren Porträts beliebt, die den Betrachter unabhängig vom Standort ins Auge fassen. Dies ist als Mona-Lisa-Effekt bekannt. Dabei blickt uns "La Gioconda" gerade nicht ins Auge, sondern knapp daran vorbei. Manchmal ist vom Silberblick der Dame die Rede, obwohl man ihr nicht vorwerfen kann, dass sie schielt.

Von einem Porträt mit den Augen verfolgt fühlen wir uns, wenn der Blickwinkel des/der Porträtierten null Grad beträgt. Bei Mona Lisa ist dies nicht der Fall. Kunsthistoriker E. H. Gombrich ("Die Geschichte der Kunst") schreibt dazu: Leonardo da Vinci habe Mund- und Augenwinkel der Dame absichtlich undeutlich gehalten, "indem er sie in Schatten verschwimmen ließ. Das ist der Grund, warum wir nie sicher wissen, wie uns ’Mona Lisa’ ansieht. Ihr Ausdruck scheint uns immer zu entgleiten." Wir seien gewohnt, "zu ergänzen, was wir nicht sehen, und gerade dieses Ergänzenmüssen erhöht den Eindruck der Lebendigkeit".

Dass Mona Lisa für den nach ihr benannten Effekt zu Unrecht haftbar gemacht wird, ist also lange bekannt. Zwei Kognitionsforscher der Universität Bielefeld, Sebastian Loth und Gernot Horstmann, haben dies nun in einer Studie auch mit naturwissenschaftlichen Methoden nachgewiesen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachblatt i-Perception. Ihre Testpersonen saßen frontal vor dem Bild – bei unterschiedlichem Abstand und unterschiedlichen Bildausschnitten – und sollten auf einem quer gelegten Zollstock angeben, wohin die Dame blickt. Bei 24 Probanden ergaben sich so mehr als 2000 Messwerte. Fast alle fanden, dass Mona Lisa knapp an ihnen vorbei blickt, auf einen Punkt 15,4 Grad rechts vom Betrachter. Der Psychologe Horstmann sagt dazu, der Begriff Mona-Lisa-Effekt sei eine Falschbezeichnung. Er "veranschaulicht das starke menschliche Bedürfnis, im Zentrum der Aufmerksamkeit anderer Menschen zu stehen". So ist es. Und aus diesem Grund geht alle Welt in den Louvre auf ein Selfie mit Mona Lisa.