Zeitungsleser und ihre Interessen

WIR MÜSSEN REDEN: Gewichtungen werden in der BZ immer wieder überprüft

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 11. Juni 2018

Kolumnen (Sonstige)

Zeitungen sind keine Institutionen der Erziehung. Deshalb können in ihnen auch Artikel erscheinen, die manche als nicht politisch korrekt erachten oder in denen Interessen bedient werden, die diese am liebsten totschweigen oder schlicht verbieten würden. Dies gilt in Südbaden besonders für den Bereich des Umweltschutzes und für alles, was mit Automobilen zu tun hat. Nun kann man gute Gründe anführen, warum es für alle besser wäre, die massenhafte Nutzung von Verbrennungsmotoren eher schnell als langsam zu drosseln. In dieser Zeitung finden sich dazu – quer durch alle Ressorts – auch viele solcher Texte. Es gibt sogar nicht wenige Stimmen, die kritisieren, dass Umweltschutzthemen in der BZ zu stark gewichtet würden. Dieser Meinung bin ich ausdrücklich nicht.

Journalisten berichten freilich über die Wirklichkeit und nicht darüber, was sie sich als Realität erträumen. Zu dieser Wirklichkeit gehört auch, dass in Deutschland 2017 fast 3,5 Millionen Neuwagen verkauft wurden, und weitere neun Millionen als Gebrauchtwagen ihren Besitzer wechselten. Das Auto ist also nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sondern auch ein Thema, für das sich viele Leserinnen und Leser interessieren, selbst im grünen Rheintal. Trends und Neuheiten aus diesem Bereich werden gerne gelesen. Für Interessierte ist unser Angebot deshalb lächerlich klein, für gestandene Umweltschützer aber verwerflich groß.

Besonders erbost sind manche, dass wir in der Rubrik "Auto und Mobiles" auch neue Fahrzeuge testen und dabei auch häufiger so genannte SUV (Sport- und Gebrauchsfahrzeuge) unter die Lupe nehmen, also jene meist großen Geländewagen, mit denen sich immer mehr Menschen durch den gefährlichen Dschungel der Städte kämpfen. Solche Fahrzeuge muss man nicht gut finden, aber sie werden erstaunlich häufig gekauft – auch von Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, ein aufgeklärtes Verhältnis zu den Gefahren des Raubbaus an der Natur zu haben. Denen die Information über das Angebot zu verweigern, ist ebenso wenig zielführend, wie ihnen mit erhobenem Zeigefinger ein schlechtes Gewissen einimpfen zu wollen. Die Badische Zeitung streicht ja auch nicht die Börsenseite oder versieht sie mit Warnhinweisen, selbst wenn man gute Gründe anführen könnte, dass dort ohne Rücksicht auf mögliche volkswirtschaftliche Schäden gezockt werden kann und Normalverdiener eher nicht unter den großen Gewinnern zu finden sein werden. Wir finden, dass Leserinnen und Lesern, die sich auf unserem Anzeigenmarkt für Gebrauchtwagen umsehen, auch Informationen über Neuheiten und Trends auf dem Automarkt angeboten werden sollten.

Nun mag man einwenden, dass die Rubrik "Auto und Mobiles" heißt und deshalb dort auch über Fahrräder und andere umweltschonendere Fortbewegungsmittel berichtet werden sollte. Das Argument lässt sich auch nicht mit der Erfahrung widerlegen, dass solche Texte dort in der Regel nicht erwartet und deshalb auch nicht gesucht werden. Man könnte Leserinnen und Leser ja umgewöhnen. Nur warum? Es gibt genügend andere Plätze in der Zeitung, an denen diese Themen behandelt werden können und behandelt werden.

Dass dies manchen zu wenig ist, gilt für fast alle anderen Themen gleichermaßen. Mehr Wirtschaft, weniger Sport oder Kultur, mehr Lokales, weniger Politik oder umgekehrt. Für jede dieser Forderungen finden sich Kritiker und Unterstützer, auch in der Redaktion. Die Gewichtungen werden deshalb immer wieder neu geprüft und verändert. Letztlich wollen Leserinnen und Leser sich in ihrer Zeitung aber auch zuhause fühlen. Am liebsten hat alles seinen gewohnten Platz. Wer umbauen will, muss deshalb gute Argumente vorbringen. Erziehungsabsichten zählen nicht dazu. Sie werden rasch erkannt und führen zu Verstimmungen.