Geflüchtete zu Gast im Medienhaus

WIR MÜSSEN REDEN: "Wann bin ich integriert?"

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 02. Juli 2018

Kolumnen (Sonstige)

Neulich war eine Gruppe Geflüchteter zu Gast in der Badischen Zeitung. Syrer, Iraner und Afghanen. Sie interessierten sich dafür, wie Medien in Deutschland arbeiten. Vor allem aber bewegte sie die Frage, warum über sie, die Migranten, so schlecht geredet und berichtet werde. Es war ein munteres Gespräch über Sprachgrenzen hinweg. Einige sprachen bereits ziemlich gut Deutsch, andere ließen sich das, was sie nicht verstanden, von diesen übersetzen. Zwischendurch gab es auch englische Sätze.

Sprachlich gelang die Verständigung also. Missverständnisse und Fehler auf beiden Seiten konnten weggelacht werden. Es war aber gar nicht so leicht zu vermitteln, warum Geflüchtete in der Öffentlichkeit häufig auf Ängste und Ablehnung stoßen und warum von Straftaten einiger weniger auf eine kriminelle Neigung vieler geschlossen wird. Dass es fürchterliche Verbrechen gab, bei denen Geflüchtete Täter waren, dafür könne man doch nicht alle verantwortlich machen, war der Einwand. Kriminelle gebe es doch auch hier. Und sie selbst seien über diese Taten genauso entsetzt.

Dass es hier um Unsicherheiten, Fremdenangst und Furcht vor Überfremdung, kulturelle Unterschiede, Konkurrenzängste und manches andere mehr geht, wo soll man anfangen? Da braucht es mehr Zeit, als an diesem Abend zur Verfügung stand. Aber ein paar Gedanken konnten ausgetauscht werden. Dass Vorurteile, Ängste und Hass überall auf der Welt zu finden sind. Gestellt wurde auch die Frage, wo das Positive bleibe, eine Sehnsucht, die offenkundig über alle Kulturen besteht. Dass auch Positives in der Zeitung steht, ließ sich an Beispielen zeigen, aber es bestand der Wunsch nach mehr.

Nun waren unsere Gäste gewiss nicht repräsentativ. Sie waren überwiegend gebildet, interessiert und engagiert. Was ahnen lässt, wie groß die Anstrengung bei Gesellschaft und Neubürgern noch sein wird, wenn die Integration gelingen soll. Zumal es auf beiden Seiten Menschen gibt, die das gar nicht wollen. Nachdenklich gemacht hat mich aber die Frage eines jungen Syrers, der bereits sehr gut Deutsch spricht, eine Bleibe und Freunde gefunden hat und sich um einen Studienplatz in Medizin bewirbt. "Wann bin ich integriert", wollte er wissen. "Was muss ich tun?" Ja was? Sprache, Arbeitsplatz, Wohnung, deutsche Freunde, Teilnahme am öffentlichen Leben, Gesetzestreue: Auf all das wird man sich wahrscheinlich rasch verständigen können. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bleibt auf seiner Internetseite in diesem Rahmen: "Integration ist ein langfristiger Prozess. Sein Ziel ist es, alle Menschen, die dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland leben, in die Gesellschaft einzubeziehen. [...] Sie stehen dafür in der Pflicht, Deutsch zu lernen, sowie die Verfassung und die Gesetze zu kennen, zu respektieren und zu befolgen."

Das wird vielen nicht reichen. Sollen Migranten ihre mitgebrachte Kultur und Religion aufgeben und "Deutsch" werden? Aber gibt es dieses eine Deutsch überhaupt? Geschichte und Kultur, die Achtung von Wissenschaft und Rationalität als Kern der Aufklärung und Grundlage toleranten Zusammenlebens, habe ich gelesen, gehöre dazu. Auch die Unterscheidung zwischen Person und Amt, zwischen öffentlichen und privaten Interessen und dem Prinzip der öffentlichen Verantwortung ohne die Korruption und mafiöse Strukturen blühen. Interessant. Gelten für Zugereiste strengere Regeln als für Alteingesessene? Die Frage des jungen Syrers hallt nach: "Wann bin ich integriert? Ich will es ja, aber das ist schwierig. Die Gesellschaft hier ist kälter als die, aus der ich komme. Ich soll die Leute grüßen, mit ihnen ins Gespräch kommen, sagt meine Vermieterin. Aber sie grüßen mich nicht." Ich hatte keine letztgültige Antwort auf diese Frage. Es gibt sie nicht. Die Antwort ist ein Prozess. Deshalb sollten wir mehr über die Wünsche und Erwartungen reden. Was meinen Sie?