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13. November 2017

Leserdiskussion über den Kitt der Gesellschaft

WIR MÜSSEN REDEN: Wo bleibt das Positive?

Wer fragt, erhält Antworten. Und die sind, dem Thema entsprechend vielfältig und nicht immer bequem. Ich hatte Sie gefragt, was Ihrer Meinung nach die Gesellschaft zusammenhält, wenn es denn nicht die Nation ist. So mancher und manche haben sich angesprochen gefühlt. Einige haben auf Texte verwiesen, die ihnen in diesem Zusammenhang besonders wichtig sind, etwa auf Hans Küng und sein Weltethos. Andere schrieben nur wenige Zeilen und wiesen zum Beispiel auf den Respekt hin, der wichtig sei für den Zusammenhalt. Und wieder andere haben ganz weit ausgeholt, Thesen und Analysen formuliert, die sich nicht in wenigen Zeilen zusammenfassen und schon gar nicht einordnen lassen.

Eine Tendenz freilich wird deutlich. Sie ist nicht überraschend, aber dennoch wichtig: Wir haben kein Defizit an Werten, wir ignorieren sie nur immer häufiger. Das aber werde eher belohnt als bestraft. Tatsächlich fällt auf, dass die humanistischen Grundwerte in den meisten Kulturkreisen so oder so ähnlich geteilt werden, auch im Islam. Doch das ist die Theorie. In der Praxis treffen wir auf vielfältige Degenerationen vor allem dort, wo das Eigene als allein seligmachend gilt und andere damit als minderwertig ausgegrenzt werden. Ob diese Tendenz darin begründet ist, dass sich immer mehr Menschen von den Kirchen abgewendet und dem Gott Mammon unterworfen haben – wie manche meinen –, darüber kann man lange diskutieren. Wer sich auf religiöse Wertefundamente stützt, hat es leichter. Aber auch er bleibt gefährdet. Und andere können auf einer atheistischen, humanistischen Basis trotz ihres ökonomischen Erfolgs werte- und sozialorientiert leben.

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Weiter nachzudenken gilt es darüber, warum wir die Werte, die von der großen Mehrheit für richtig und wichtig gehalten werden, im Alltag allzu oft beiseiteschieben oder gar mit Füßen treten. Beklagt wird da zweierlei: ein Versagen der Eliten als Vorbilder und der Schule, wo die umfassende Bildung zulasten einer zunehmenden Verwertungsorientierung ins Hintertreffen geraten sei oder kaputtgespart werde. In vielen Elternhäusern würden zudem Egoisten herangezogen, keine Sozialwesen. Nun muss man vorsichtig sein, solche Befunde zu verallgemeinern. Viele Eltern, aber auch viele Lehrer leisten hervorragende Arbeit, und der beklagte Mangel an Zusammenhalt ist nicht nur ein Problem der Jüngeren. Die sind wahrscheinlich nicht besser oder schlechter als die Älteren. Aber mit Erziehung und Vorbildern gibt es sicher wichtige Spuren. Dass Eliten häufig ein falsches Vorbild geben, in dem sie skrupellos ihr eigenes Recht über die gemeinschaftlichen Regeln stellen, muss all jene bestärken, die schon immer meinten, dass der Ehrliche letztlich immer der Dumme sei. Es untergräbt das Unrechtsempfinden. Das zeigt sich daran, dass jeder neue Skandal, wie vergangene Woche die Paradies Papers, auf weniger Empörung, aber mehr Achselzucken stößt.

Womit wir bei den Medien wären. Sind die schuld daran, dass die Zentrifugalkräfte in der Gesellschaft zunehmen, wie ein Leser glauben machen will? Nun ist das mit den Medien so eine Sache, gerade in Internetzeiten. Aber er meint explizit auch die Zeitung, weil sie alles kritisiere und hinterfrage, insbesondere aber die Kirchen und die Exekutive. Ihre Absicht ist freilich das Gegenteil: Durch allgemeine Informationen soll sich jeder über das Denken und Handeln der Anderen ein eigenes Bild machen. Das soll Zusammenhalt fördern, nicht untergraben. Aber ab wann verstärkt ein Medium eine Entwicklung und bis wann wird es nur als Überbringer schlechter Nachrichten für deren Inhalt verantwortlich gemacht? Was meinen Sie?

Autor: Thomas Hauser