BZ-Ombudsmann

Alarmzeichen Populismus: Wenn man miteinander aneinander vorbeiredet

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 12. Juni 2017

Wir müssen reden

Kommunikation ist schwierig, wenn Sender und Empfänger auf verschiedenen Ebenen unterwegs sind. Es gibt Leser – es sind in diesem Fall tatsächlich überwiegend Leser – die lassen dabei nicht locker. Sie fordern zum Beispiel ultimativ, die Zeitung möge ein für alle Mal sagen, was Populismus sei. Nun könnte man das als Kompliment interpretieren: Die Zeitung als Instanz, die Begriffe definiert. So aber war das in diesem Fall zum Glück nicht gemeint. Es wäre eine Anmaßung.

Es geht hier vielmehr um eine wechselseitige Irritation zwischen manchen Journalisten und einigen konservativen Lesern. Als aufrechte Konservative fühlen die sich von Merkels CDU – insbesondere in der Flüchtlingsfrage aber auch in moralischen Überzeugungen – verlassen und sind auf der Suche nach einer neuen politischen Heimat. Dass sie dabei Sympathien für Gruppierung entwickeln, die in der veröffentlichten Meinung als rechtspopulistisch oder gar rechtsextrem verortet werden, ist für sie kränkend. Denn sie selbst sehen sich als besorgte, kritische Demokraten und viele von ihnen sind es wahrscheinlich auch. Wenn die AfD rechtspopulistisch sei, so schrieb kürzlich ein Leser, dann müsse man Linke, SPD, Grüne, FDP und CDU doch als linkspopulistisch bezeichnen. Rechts oder links ist halt immer eine Frage des eigenen Standpunktes. Je weiter sich jemand von der Mitte entfernt, desto mehr Menschen verortet er am anderen Rand. Denn fast jeder sieht sich als Teil der Mitte.

Viele Journalisten beobachten dagegen etwas ganz anderes. Sie sehen nicht die Wähler, sondern die Funktionäre der neuen Gruppierungen, analysieren deren Vordenker, suchen nach der Ideologie hinter der Botschaft. Das heißt, sie versuchen im besten Fall Demagogen zu demaskieren, um potentiellen Wählern bewusst zu machen, wer da vorgibt, sie zu verstehen und vertreten zu wollen. Im schlechten Fall packen sie Politiker und Wähler in eine pauschale Schublade und schaffen so Loyalitäten, die sie eigentlich verhindern wollen. Vor allem dann, wenn die Wähler als Leser diese Aufklärungsarbeit als Bevormundung empfinden.

Dahinter steckt nicht nur die Ablehnung von Eliten (übrigens auch ein Markenzeichen von Rechtspopulismus) sondern auch die alte Kontroverse, ob wachsender Populismus ein Alarmzeichen für die Demokratie ist oder doch ein Indikator für Fehlentwicklungen in einer Gesellschaft. Dabei ist ein Erfolg in der Politik ohne ein bisschen Populismus kaum denkbar. Auf der anderen Seite aber gilt für Parteiarbeit noch immer der Grundsatz des Urahnen der bundesdeutschen Populisten Franz-Josef Strauß, man müsse dem Volk aufs Maul schauen, dürfe ihm aber nicht nach dem Mund reden. Was der vom Volk wirklich dachte, lässt freilich ein anderes Zitat ahnen: "Vox populi, vox Rindvieh."

Wem es nach Begriffsdefinitionen dürstet, der sei im Übrigen an den Duden verwiesen. Populismus, so heißt es dort, ist "eine von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik, die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen (im Hinblick auf Wahlen) zu gewinnen." Was passiert, wenn Populisten an die Macht kommen, kann man derzeit nicht nur in den USA beobachten. Aber das sollte an anderen Stellen in dieser Zeitung diskutiert werden.