Wir müssen reden

Der Fall Claas Relotius: Fälschung im Journalismus

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

So, 23. Dezember 2018 um 20:07 Uhr

Wir müssen reden

Seit Tagen kommt "Der Spiegel" nicht zur Ruhe: ein Redakteur hat nach Angaben des Magazins über Jahre hinweg in Reportagen gelogen. BZ-Herausgeber Thomas Hauser zu Fehlern und Fälschungen.

Es gibt Tage, da möchte man sich am liebsten in einem Mauseloch verkriechen, um nicht als Journalist erkannt zu werden. Nicht dann, wenn die Fake-News-Debatte auf einen niederprasselt. Deren Protagonisten haben Ziele, die leicht zu durchschauen sind. Es sind Tage wie diese, als vergangene Woche bekannt wurde, dass der mit Preisen überhäufte Spiegel-Reporter Claas Relotius seine Reportagen in weiten Teilen erfunden hat. Da wirkt jeder Erklärungsversuch hilflos, und doch muss nach Ursachen geforscht werden. Nur wer denen möglichst nahe kommt, kann ähnliche Fälle erschweren. Ganz ausschließen kann sie niemand. Alles Menschliche bleibt unvollkommen. Und ob Maschinen wirklich perfekter sein können, muss die Zukunft weisen.

Die Aufklärung kam auch aus der Redaktion

Es sind Vorfälle wie diese, die einen demütiger machen. Selbst beim Spiegel ist so etwas also möglich. Dort arbeiten Dokumentare, die alle Fakten überprüfen. Dort wird jeder Text gleich mehrfach gegengelesen, bevor er in Druck geht. Und bei größeren Geschichten arbeiten oft mehrere Reporter zusammen. Deshalb ist Relotius schließlich auch aufgeflogen. Ein Hoffnungsschimmer dieses größten anzunehmenden Unfalls im Journalismus: Die Aufklärung kam aus der Redaktion. Das ist nicht selbstverständlich und führte zunächst zu Anfeindungen durch Kollegen und Vorgesetzte. Relotius war beliebt, galt als bescheiden und eher zurückhaltend. Der Vorwurf, Juan Moreno – so hieß der Aufklärer – neide dem Kollegen den Erfolg, ist in solchen Fällen schnell bei der Hand.

Plagiate und Fälschungen gibt es, seit es Journalismus gibt. Das ist nicht tröstlich und kann nichts entschuldigen. Auch Egon Erwin Kisch, die Reporterlegende der Weimarer Republik, soll die Fakten in seinen zur Literatur geronnenen Geschichten manchmal der Erzählung angepasst haben. Bei Tom Kummer und seinen erfundenen Interviews mit Hollywood-Größen traf es seinerzeit vor allem die Süddeutsche Zeitung. Auch der Stern ist nicht nur auf die von Konrad Kujau gefälschten Hitler-Tagebücher hereingefallen, sondern hatte seine Fälschungsaffäre mit Michael Born bei Stern TV.

Wahrscheinlich kennt jedes Medienhaus solche Skandale, auch die Badische Zeitung war 2011 betroffen. So wie jede Bank Betrugsfälle durch Mitarbeiter kennt. Meist werden sie intern bereinigt, ist die Karriere der Kollegin oder des Kollegen einfach zu Ende. Manchmal schlagen solche Geschichten aber auch hohe Wellen. So wie jetzt beim Spiegel. Und es sind oft Kolleginnen und Kollegen, denen man es nicht zugetraut hätte, die das eigentlich auch nicht nötig hätten und bei denen die Erkenntnis besonders schmerzt, dass das in sie gesetzte Vertrauen missbraucht wurde. Meist, wie jetzt offenbar auch bei Relotius, offenbart sich dabei eine merkwürdige Melange aus übertriebenem Ehrgeiz, Versagensängsten, Überforderung, Druck und Geltungssucht. Solche Fälscher bedürfen am Ende nicht nur Strafe, sondern vor allem Therapie.

Für Fälschungen geeignet ist offensichtlich vor allem die Reportage. Sie gilt als Königsdisziplin des Journalismus. Hier ist die größte Nähe zur Literatur, also auch zur längerfristigen Anerkennung. Von solchen Geschichten träumen die meisten Berufseinsteiger, ehe sie von der Dominanz weniger glamouröser, aber nicht minder wichtiger Arbeiten im Alltag eingeholt werden. Fragen an die Ausbildung drängen sich auf. Dort wird das Handwerk zwar in aller Regel gut vermittelt, aber vielleicht nicht ausreichend die Erkenntnis, dass Journalisten Dienstleister der Bürgergesellschaft und nicht Herren (oder Damen) der Welt sind, dass die Nähe zu Ruhm und Macht nicht Teilhabe bedeutet, auch nicht bedeuten darf. Womöglich gerät derzeit auch in den Hintergrund, dass Journalismus zwar unterhaltsam sein kann, aber nicht Unterhaltung sein darf. Und doch, bislang gibt es keinen Beleg dafür, dass Journalisten heute stärker zu Münchhausiaden neigen als früher. Sie fallen – und das ist die gute Nachricht – nur schneller auf.