Warum Zeitungen über exotische Reiseziele berichten

WIR MÜSSEN REDEN: Der Reiz der kleinen Fluchten

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 14. Januar 2019

Wir müssen reden

Die Deutschen sind Reiseweltmeister, aber auch als Kritiker ganz weit vorne. Vor allem beim Umweltschutz kennen viele kein Pardon. Zwischen Reisen und Umweltschutz aber gibt es mannigfaltige Zielkonflikte, besonders dann, wenn in Massen gereist wird. Der Streit darüber schwappt natürlich auch immer wieder in die Reiseredaktion dieser Zeitung – als Kritik an der Auswahl der dort abgedruckten Ziele. Der Tenor ist einhellig: Wie könnt ihr Reisen bewerben, die so umweltschädlich sind?

Nun habe ich an diesem Platz schon in verschiedenen Zusammenhängen erklärt, dass eine Zeitung keine Erziehungsanstalt ist. Sie gibt den Leserinnen und Lesern nicht vor, was sie zu denken, zu tun oder zu lassen haben. Sie berichtet, was diese interessieren muss und was diese interessieren könnte. Das Reisen gehört – abgesehen von den auch dort zahlreich vertretenen nutzwertigen Geschichten – eindeutig zum Zweiten. Insofern dient dieser Teil im Wochenendmagazin vor allem der Unterhaltung und Entspannung. Nicht jeder wird die Chance haben oder suchen, die dort vorgestellten, oft auch exotischen Destinationen tatsächlich zu besuchen.

Aber unabhängig davon war das Interesse an Reisegeschichten schon immer riesig. Wer sich einmal auf der jährlichen Freiburger Mundologia oder beim Tag der Leserreisen der Badischen Zeitung durch die Besuchermassen gedrängt hat, kann das bestätigen. In den Fernsehprogrammen laufen entsprechende Angebote den ebenfalls beliebten Kochshows locker den Rang ab. Und die Gesichter Europas am Samstag oder die Sonntagsspaziergänge – beide im Deutschlandfunk – zeigen, dass dieses Genre auch im Radio fasziniert. Selbst in der Literatur finden sich Reisegeschichten in großer Zahl. Wenn Reisen bildet, ist die Reisereportage sozusagen der bequeme zweite Bildungsweg. Solche Angebote ermöglichen Lesern, Zuhörern oder Zuschauern eine kleine Auszeit aus dem Alltag, entführen ihn oder sie in wunderbare Gegenden und spannende Erzählungen – ähnlich einem guten Buch, nach dessen Lesegenuss man auch nicht gleich zum Zauberer mutiert und in Hogwarts eingeschult wird, wie die verantwortliche Kollegin so nett erklärt.

Das Angebot einer regionalen Tageszeitung kann sich freilich nicht nur auf Traumreisen konzentrieren. Rad- und Wanderreisen, Ideen für den Familienurlaub, aber auch bekannte und unbekannte Ziele in der deutschen und europäischen Nähe gehören selbstverständlich mit ins Portfolio. Natürlich auch allgemeine Informationen zum Reiserecht, aber auch über die negativen Folgen des gedankenlosen Massentourismus und Tipps, diese zu lindern oder zu vermeiden.

Am Ende muss jeder und jede selbst entscheiden, welche Art zu reisen er oder sie für sinnvoll und verantwortlich hält. Die regionale Tageszeitung kann da nur eine Entscheidungsgrundlage liefern, keine Handlungsanleitung.