Antisemitische Straftaten

WIR MÜSSEN REDEN: Statistiken sind wichtig, man muss sie aber lesen können

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 26. Februar 2018

Wir müssen reden

In der Kürze liegt zwar bekanntlich die Würze, aber auch eine Quelle von Unzufriedenheit und Missverständnissen. Auf der anderen Seite ist das Platzangebot in Zeitungen begrenzt, und wer sich beim Lesen beobachtet, wird feststellen, dass er sich nach einem langen Artikel auf kurze knappe Informationen freut oder nach einem schweren Text bunte Nachrichten sucht, gerne auch zum Schmunzeln. Kurzum, eine Zeitung muss einen gewissen Rhythmus haben, sie ist eine Mischung aus unterschiedlichen Längen und Stilformen, Texten, Bildern und Grafiken. Darin besteht die Kunst des Blattmachers.

Gerne gelesen werden Untersuchungen und Statistiken. Sie sind aber mit Vorsicht zu genießen. Denn um die Ergebnisse präzise beschreiben und richtig einordnen zu können, reicht meist eine kurze Meldung nicht aus. Die Nachricht "Vier antisemitische Straftaten pro Tag" vom 12. Februar ist da ein Grenzfall. Hier hat die Redaktion auf die Nachrichtenagentur AFP zurückgegriffen. Die wiederum bezog sich auf den Berliner Tagesspiegel, der aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Abgeordneten Petra Pau (Die Linke) zitierte.

Nun muss man wissen, dass viele Zeitungen das meist nachrichtenärmere Wochenende nutzen, um selbst gesetzte Themen zu verbreiten. Daran ist nichts auszusetzen, denn in der Flut von Informationen gehen Themen verloren, die sich bei näherer Betrachtung doch als druckenswert erweisen. Das ist beim Thema "antisemitische Delikte" der Fall. Auch sind alle Quellen dieser Nachricht seriös und genannt. Diskutieren kann man in diesem Fall über zwei Dinge. Erstens: Die Statistik ist noch nicht vollständig. Das wird auch erwähnt. Da die endgültigen Zahl aber allenfalls höher ausfallen kann und bei diesen Delikten ohnehin eine beträchtliche Dunkelziffer vermutet werden muss, zeichnet sie eher ein zu harmloses Bild. Natürlich hätte man warten können, bis alle Zahlen für 2017 vorliegen. Gut möglich aber, dass die dann an einem Tag erschienen wären, an dem sie gegen andere Themen untergegangen wären. Das Hamstern von Themen zahlt sich meist nicht aus.

Diskutieren kann man zweitens darüber, ob die griffige Formulierung in der Überschrift "Vier antisemitische Straftaten pro Tag" wuchtiger wirkt als die Wirklichkeit, wobei die erschreckend genug ist. Polizeiliche Statistiken zählen Anzeigen und die Gesamtzahl summiert Delikte von höchst unterschiedlicher Qualität. 898 der 1453 registrierten Fälle betrafen Volksverhetzung, 32 waren Gewalttaten gegen Menschen, 160 Sachbeschädigungen. Grundsätzliche Einwände aus dem politisch rechten Bereich, die der Statistik unterstellen, hier würden Straftaten rechtsextremen Deutschen zugeordnet, obwohl sie von zugewanderten Muslimen verübt worden seien, erweisen sich aber bei näherer Betrachtung als Schutzbehauptung. Denn erstens gibt es auch rechtsextreme Muslime und zweitens, wenn muslimischer Antisemitismus in dieser Statistik möglicherweise zu harmlos eingeschätzt wird, dann liegt dies mit Sicherheit an der Dunkelziffer und nicht an einer Überbewertung des rechten Judenhasses. Ein paar erklärende Zeilen mehr hätten diese Meldung also noch verständlicher gemacht. Richtig und berechtigt bleibt sie gleichwohl.