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31. Dezember 2009
Abwarten und trinken
Im Profil: Miss Sophie zeigt auch in der Krise Größe – jedes Jahr wieder in "Dinner for One"
Sie ist eine der stillen Größen im Lande, eine noble Konstante. Das Jahr über bewahrt sie mehr Zurückhaltung als der Bundespräsident, und wenn sie zum Ausklang auf der Mattscheibe erscheint, hat sich in ihren Räumen weniger verändert als in denjenigen Horst Köhlers bei der Weihnachtsansprache. In Jahren der Erschütterung und des Wandels lehrt Miss Sophie uns den Wert der Beständigkeit: Same procedure as last year? "The same procedure as every year."
Das ist in der Krise nicht selbstverständlich. In Zeiten, in denen Krethi und Plethi Reue, Rucks oder sonstige Schnellschüsse fordern, empfiehlt die große alte Dame des "Weiter so" englische Gelassenheit: abwarten und trinken. Ahnentafeln und Kristalllüster künden in Sophies Welt vom Stellenwert der Tradition; der Gong zum Essen bezeugt das Festhalten an distinguierter Sitte. Was privater ist, findet nicht im Fernsehen, sondern in der Diskretion des Obergeschosses statt: in Zeiten von Nacktscannern und entblößten Nummernkonten gehobene Anarchie. Kritiker werfen Miss Sophie allerdings vor, dass sie von der Krise gar nicht betroffen sei – wo ein Butler lebt, ist gut Stil bewahren.
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Wie alle großen Diven hat Sophie es verstanden, Öffentliches von Privatem zu trennen: Über ihre Biografie ist wenig bekannt, über ihre Finanzen gar nichts. Vielleicht bleiben die Quellen von Sophies Wohlleben auch besser im Dunkeln – das beachtliche Tigerfell im Speisesaal etwa scheint auf unschöne Zusammenhänge mit dem Zeitalter des Kolonialismus zu deuten, ihre Vorliebe für indische Suppen weist in die gleiche Richtung. Verteidiger wenden ein, dass Miss Sophie allenfalls den Abglanz besserer Zeiten verwaltet: Seit Jahrzehnten feiert sie bei Schellfisch und Huhn, einem frugalen Mahl, das nur durch Schöntrinken zu ertragen ist. Und der Butler ist maximal zweitklassig.
Ganz gleich ob der Tiger internationalem Heuschreckentum zum Opfer gefallen ist oder nicht, selbst erlegt wird Sophie ihn kaum haben, und so wollen wir auch auf den Rest ihres Erbes nicht neidisch sein, sondern uns lieber ein Beispiel nehmen: An Sophie nämlich lassen sich die wahren Werte im Leben studieren – Freundschaft, Würde und Optimismus über die Krise hinaus. Sophies aufrechte Haltung angesichts der Tatsache, dass alle ihre Freunde tot sind, scheidet den Adel vom Snob: "Is everybody here?", fragt sie unbeirrt in die leere Runde. Und Butler James antwortet selbstverständlich: "Indeed they are, yes, yes." Man muss über Verluste auch mal hinwegsehen können, und wenn’s ganz hart kommt, gibt es Blumenwasser statt Sekt. Nur die ganz Großen in unseren Eliten trauen sich heute, solchen Stoizismus zu zeigen; das Gros heuchelt doch würdelos Einsicht, während es weitermacht wie bisher.
Ist das der Grund, warum Sophie keine weiblichen Freunde hat? Ist ihre Welt zu hart, zu männlich und am Ende auch – zu schwarzweiß? Eigentlich wähnen wir Sophie auch menschlich an der Speerspitze der Moderne: Obwohl sie ihren vier Lebensfreunden gleichermaßen zugetan ist, schafft sie es, diese verwirrende Gefühlslage in einer einzigen Bindung zu leben. Diskret, als Bonus im Obergeschoss.
Der Sketch "Dinner for One" läuft an Silvester in allen dritten Programmen der ARD .
Autor: Jens Schmitz
