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28. Juli 2011

Tagesspiegel

Debatte ums Waffenrecht: Grausige Gunst der Stunde

Indem ein vermeintliches Patentrezept gegen Waffengewalt präsentiert wird, werden die extrem komplexen Ursachen solcher Gewalt letztlich vernebelt.

Jens Stoltenberg hat angekündigt, die Umstände der Anschläge von Oslo und Utøya gründlich aufarbeiten zu lassen. Noch sei allerdings nicht die Zeit dafür, hat der norwegische Regierungschef hinzugefügt. Noch sei die Zeit der Trauer. Man wünschte sich, einige Politiker hierzulande befleißigten sich ähnlicher Zurückhaltung. So unangemessen die hastigen Forderungen konservativer Hardliner waren, nun müsse endlich ernst gemacht werden mit Vorratsdatenspeicherung und Internetkontrolle, so wohlfeil sind nun die Rufe nach einem strengeren Waffenrecht. Als ob sich der fanatisierte Attentäter, der seine Tat über viele Jahre hinweg vorbereitet hat, etwa von einem Verbot großkalibriger Pistolen hätte bremsen lassen! Natürlich darf über die Frage gerungen werden, wem unter welchen Bedingungen welche Waffe zugänglich sein soll. Wer diese Debatte aber ausgerechnet jetzt und mit Verweis auf Norwegen führt, der will lediglich die grausige Gunst der Stunde nutzen. Das ist unanständig – und überdies verantwortungslos. Denn indem ein vermeintliches Patentrezept gegen Waffengewalt präsentiert wird, werden die extrem komplexen Ursachen solcher Gewalt letztlich vernebelt. Diese sind ganz sicher in den seelischen Abgründen des Täters zu suchen. Aber womöglich liegen sie indirekt auch in einem Milieu aus Fremdenhass und Intoleranz. Inwieweit unsere Gesellschaften dafür einen Nährboden bieten und warum – das zu erörtern wäre in jedem Fall lohnend.

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Autor: Thomas Fricker