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29. Mai 2010
BZ-Gastbeitrag
Grundeinkommen in Namibia: Geld ohne Arbeit
BZ-GASTBEITRAG: Wolfgang Kessler meint, dass wir von den Erfahrungen mit einem Grundeinkommen in Namibia lernen können.
Brauchen wir ein Grundeinkommen für alle Bürgerinnen und Bürger unabhängig von Erwerbsarbeit? Diese Frage wird in Deutschland seit vielen Jahren immer wieder diskutiert. Lange Zeit war dies ein Streit um des Kaisers Bart, weil es nirgendwo Erfahrungen mit diesem Konzept gibt. Das hat sich nun geändert. Zwei Jahre lang erhielten alle 1200 Bewohner unter 60 Jahren des Dorfes Otjivero im Osten von Namibia umgerechnet zehn Euro pro Monat (finanziert über Spenden und Beiträge der evangelischen Kirchen) – und nun wurde das Experiment wissenschaftlich ausgewertet. Zwar kann man die Erfahrungen aus der afrikanischen Steppe nicht einfach auf ein Industrieland wie Deutschland übertragen. Dennoch sind die Ergebnisse überraschend.
Zunächst widerlegen die namibischen Erfahrungen das Vorurteil, wonach sich Menschen auf die faule Haut legen, wenn sie Geld ohne Arbeit bekommen. Während das Modell Hartz IV die Deutschen tatsächlich zu lähmen scheint, haben die zehn Euro die namibischen Dörfler richtig aufgeweckt. Im Dorf entstand zum ersten Mal ein echter Wirtschaftskreislauf. Da es Kaufkraft gab, nahmen auch die geschäftlichen Aktivitäten schnell zu – vom Brotbacken über einen Kaufladen bis hin zu Reparaturarbeiten aller Art. Zudem besuchen inzwischen alle Kinder eine Schule, während es zuvor weniger als die Hälfte waren – die Eltern hatten einfach nicht das Schulgeld. Das Grundeinkommen für Kinder stärkte den Zusammenhalt der Familien – und des Dorfes.
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Gleichzeitig wuchs unter den Bewohnern das Selbstbewusstsein jener, die bisher wenig zu sagen hatten: der Frauen. Sie haben nun viel mehr zu sagen. Dies sind wichtige Erfahrungen für die Entwicklungspolitik. Man stelle sich nur die Folgen eines Grundeinkommens in einem afghanischen Dorf vor.
Diese Umkehrung der Macht scheinen allerdings nicht alle Männer zu verkraften. Manche – vor allem jüngere – Männer haben das Grundeinkommen anfangs gleich nach Erhalt versoffen. Die Verantwortlichen mussten einschreiten: Sie zahlten nur noch wöchentlich aus – zudem erhielten die Mütter das Geld für ihre Kinder. Danach hat sich die Lage beruhigt.
Insgesamt hat sich das Lebensniveau in dem Dorf deutlich verbessert. Das wird auch von den – größtenteils weißen – Besitzern der umliegenden Farmen bestätigt, welche das Dorf und seine Bewohner bisher verachteten und nun mit ihnen Geschäfte machen.
Dieses Experiment lässt vorsichtige Rückschlüsse auf ein Grundeinkommen in Deutschland zu. Dass sich viel mehr Menschen nur noch auf die faule Haut legen, wenn sie auch ohne Arbeit ein Einkommen erhalten, wird durch das Experiment nicht bestätigt. Im Gegenteil. Die Menschen fühlen sich sozial abgesichert und werden auf dieser Basis initiativ, zumal jetzt nicht mehr zwischen Arbeitslosen und Erwerbstätigen unterschieden wird. Auch die soziale Lage entspannt sich – mit umgerechnet 50 Euro pro Monat kann eine fünfköpfige Familie in Namibia knapp existieren, mit zusätzlicher Erwerbsarbeit sogar in Würde.
Allerdings ist ein Grundeinkommen kein Allheilmittel. Es gibt Menschen, die ohne Betreuung und Sanktionen mit dem Geld nicht verantwortungsvoll umgehen. Es ersetzt weder Sozialarbeit noch Hilfe – und schon gar nicht Bildung. Leute, die weder in Familien noch bei der Arbeit in die Gesellschaft integriert sind, können auch mit Grundeinkommen verwahrlosen. Wer es fordert, muss begleitende Maßnahmen überlegen.
Auch wenn das Experiment nichts über die mögliche Finanzierung eines Grundeinkommens in Deutschland aussagt, so gibt es dennoch Hinweise über eine Weiterentwicklung des Sozialstaates: Elemente einer unbürokratischen sozialen Sicherung, die mehr auf Vertrauen und weniger auf Sanktionen setzen, wirken aktivierender als der ständige Zwang zu Kontrollen durch die Sozialämter. Eine garantierte soziale Sicherung in jedem Lebensalter nimmt Existenzängste und schafft jenes Selbstbewusstsein im Alltag, das viele Menschen erst richtig kreativ werden lässt. Und nicht zuletzt stützt ein Grundeinkommen auch für Kinder alle Formen des Zusammenlebens und damit den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Insofern liefern die Erfahrungen aus Namibia keine Blaupause für die Einführung eines Grundeinkommens. Bedenkt man jedoch, dass die sogenannten Hartz-Reformen und viele andere arbeitsmarktpolitischen Instrumente die soziale Lage bisher eher verschlechtert und die Menschen eher entmündigt denn aktiviert haben, ist eine Diskussion über einen völlig neuen Ansatz bitter notwendig.
– Wolfgang Kessler ist Publizist und Chefredakteur der Zeitschrift Publik-Forum.
Autor: kess
