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10. November 2011

Leitartikel

Streit um Atdorf: Gut, dass wir geredet haben

Das Runde am Runden Tisch war schon immer mehr Behauptung als Tatsache. Sich zusammenzusetzen und zu reden, miteinander statt übereinander, auch zu streiten, das schadet sicher nicht. Aber die alten Fronten bleiben nach aller Lebenserfahrung erhalten – weshalb man in dem Dauerkonflikt, der den Ortsnamen Atdorf trägt, im Frühsommer auch nichts dabei fand, die Teilnehmer des Runden Tisches an ein rechtwinkliges Möbel zu setzen, gegenüber. Und nun, fünf Monate, Hunderttausende Euro und Unmengen von Drucksachen später – ist da mehr gewesen außer Spesen?

Glaubt man denen, die mit ihrem Widerstand gegen die Großbaustelle den Konflikt erst zum Konflikt gemacht haben, dann ist die Antwort klar: Nein. Am ursprünglich geplanten Standort des gigantischen Pumpspeicherwerks im Hotzenwald hat der Runde Tisch Atdorf so wenig geändert wie an Ausmaß oder Zeitplan des Vorhabens. So klingt denn auch manches Statement jetzt am Schluss bitter, mancher geht enttäuscht nach Hause, manch anderer sammelt in seinem Zorn schon Geld für eine Verhinderungsklage. Wollte man nicht gerade das vermeiden? Hätte man es deshalb aus heutiger Sicht nicht gleich bleiben lassen sollen?

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Das würden nicht einmal diejenigen fordern, die jetzt, aus Frust oder politischem Kalkül, von einer Farce reden oder einer Schauveranstaltung. Denn sie bekamen das, was sie ohne dieses Schlichtungsverfahren nie bekommen hätten – den Auftritt vor großem Publikum, Redezeit, und, am allerwichtigsten, Respekt. Sie konnten mit Genugtuung sehen, wie Planer und Investoren ins Schwitzen kamen, wenn allseits anerkannte Sachverständige ihnen Lücken und Widersprüche der Planung nachwiesen. Und sie konnten erleben, wie seltene Käfer oder ein Moos prozessual ein ähnliches Gewicht bekommen können, wie Renditeinteressen eines Investors oder Erfordernisse des Strommarktes.

Genau hier liegt ja die Legitimität des Protests gegen das Großkraftwerk – darin, dass zur Energieversorgung einer großen Mehrheit von Nutznießern einer kleinen Minderheit von Einheimischen abverlangt wird, einen Teil ihrer heimatlichen Landschaft zu opfern. Gewiss, auch diese wenigen Bürger verbrauchen Strom; so wie man Leidtragenden einer neuen Autobahn oder Schnellbahntrasse immer entgegenhalten kann, dass ja auch sie Auto und Bahn fahren wollen.

Am Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ändern solche klugen Rechtsbelehrungen meist nichts, zumal nicht, wenn sie von Leuten kommen, die sich einen Wohnort- und Eigenheimwechsel im Fall des Falles locker leisten können. Die Kunst der Politik besteht darin, solche Ungerechtigkeiten erstens zur Kenntnis zu nehmen, was paradoxerweise schon keine Selbstverständlichkeit ist – und ihnen, zweitens und noch entscheidender, Anerkennung zu verschaffen. Wenn das getan ist, kann man dann – last, not least – über einen Lastenausgleich verhandeln.

Das ist am Runden Tisch Atdorf geschehen, und deshalb war er keine Zeit- und Geldverschwendung. Er kam sehr spät, das war, wie der Schlichtungsversuch bei Stuttgart 21, auch hier der Geburtsfehler. Aber dieser Tisch hat jetzt auch eine Pilotfunktion: So, und nur so, wird man in einem dicht besiedelten Land notwendige Infrastrukturprojekte noch durchsetzen können.

Davon stehen bekanntlich weitere an, vom einzelnen Windrad auf dem Hausberg über neue Stromüberlandleitungen bis zum Endlager für Atommüll. Apropos: Es gibt nicht viele Relikte des Atomzeitalters, die es verdienen bewahrt zu werden; der großzügige Umgang der Konzerne mit AKW-Standortgemeinden aber gehört dazu. Wo mit Investitionen viel Geld verdient wird, da ist auch Spielraum für Kompensation – den Ausgleich unvermeidlicher sozialer und ökologischer Härten. Also auch rund um Atdorf.

Autor: Stefan Hupka