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09. November 2012

Doping-Vergangenheit in Deutschland

Leitartikel: Staatsdoping "light"

Bis heute läuft ein Wettrennen zwischen Aufklärern und Vertuschern

Die Geschichte des Dopings in Deutschland ist noch lang nicht zu Ende erzählt. Man erkennt nun aber ihre Konturen. Es tauchen immer mehr Belege dafür auf, dass auch die politische Führung im Westen des Landes in den 70er Jahren den Einsatz leistungssteigernder Medikamenten im Spitzensport forderte und finanzierte. Eine Berliner Forschergruppe fand dazu Dokumente und Ministerunterschriften. Ihre Folgerung lautet, dass auch in der alten Bundesrepublik im Kampf um Medaillen bewusst Systeme des Dopings installiert worden sind. Es war, vergleicht man es mit den menschenverachtenden Praktiken der einstigen DDR, Staatsdoping "light".

Und es war von oben erwünscht. Die Forscher entlarven Schutzbehauptungen, mit denen Politiker und Funktionäre der früheren BRD bis in die jüngste Zeit hinein von ihrer Rolle ablenken wollten. So war es keineswegs die DDR, die damals den Takt vorgab bei der Erforschung und Anwendung der Anabolika. Westdeutsche Sportmediziner, allen voran der einstige Freiburger Sportmediziner Joseph Keul, erforschten die Wirkung der Muskelmacher vor ihren sozialistischen Rivalen. Im Kampf zwischen den Blöcken um Siege im Sport war der Westen also nicht nur der Getriebene. Häufig ging die Entwicklung sogar Hand in Hand. Dokumente der einstigen Staatssicherheit der DDR weisen auf eine enge Zusammenarbeit zwischen Sportmedizinern in Freiburg, Leipzig und Kreischa hin. Der Eiserne Vorhang hatte seine Lücken dort, wo es beiden Seiten dienlich war. Die Freiburger Sportmedizin erforschte leistungssteigernde Medikamente und wandte sie an, ohne je staatliche Sanktionen oder gar Ermittlungen fürchten zu müssen. Man ahnt nun, warum. Die Belege dafür, dass politisch Verantwortliche die Vorgänge in Freiburg billigten oder gar erst ermöglichten, fügen sich zu einem Bild. Wolfgang Schäuble, in den 70er Jahren sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, schlug im Bundestag vor, leistungssteigernde Medikamente unter der "absolut verantwortlichen Kontrolle der Sportmediziner" zu verabreichen. Gerhard Groß, Ministerialrat im Innenministerium, forderte Keul 1976 öffentlich in Freiburg dazu auf, "leistungsfördernde Mittel" einzusetzen. Die Forschergruppe zitiert darüber hinaus anonyme Zeitzeugen. Ihnen zufolge verlangte auch der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher vor den Olympischen Spielen von München 1972 Medaillen, "koste es, was es wolle".

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Auch die Gesundheit der Sportler? Es ist vor diesem Hintergrund nicht verwunderlich, dass die Forschergruppe um Giselher Spitzer und Erik Eggers von dem Augenblick an, als ihre Erkenntnisse in der Öffentlichkeit kursierten, mundtot gemacht werden sollte. Es gibt Hinweise darauf, dass der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das dem Innenministerium zugeordnete Bundesinstitut für Sportwissenschaft der Gruppe im Frühjahr die Gelder entzog und die Veröffentlichung ihres Berichts bis heute blockiert. Die Schlussfolgerung ist verheerend. Wie ernsthaft führt der DOSB den Kampf gegen Doping, wenn er nicht bereit ist, sich der Vergangenheit zu stellen? Blockieren Handelnde von einst bis heute die Aufklärung? Fürchten Funktionäre und Politiker die Tatsache, dass die Archive weniger gründlich gesäubert worden sind, wie das mancher gehofft haben mag? Die Berliner fanden "überreichlich Quellen", wie sie berichten. Besonders sensible Dokumente indes sollen verschwunden sein. Die Sporthistoriker fanden Hinweise darauf, "dass noch 2007 Bestände kassiert wurden". Dies ist das Jahr, in dem das Magazin Spiegel das Doping des einstigen Radsportteams Telekom/T-Mobile durch die Freiburger Sportmedizin enthüllte. 2007 begann insofern auch ein neues Wettrennen zwischen Aufklärern und Vertuschern. Noch ist nicht abzusehen, wer dieses Rennen gewinnt.

Autor: Andreas Strepenick