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17. April 2010
Spargel mit oder ohne Folie?
BZ-GASTBEITRAG: Lüder Gerken zufolge ist der Verbraucher für Qualitätsverluste bei Produkten mitverantwortlich.
Wieder ist Spargelzeit. Egal wo man sich in Deutschland umschaut: So weit das Auge reicht, reihen sich endlose Bahnen von schwarzen Folien durch die Landschaft, unter denen das Edelgemüse heranwächst. Jeder Landstrich hat ein Anbaugebiet, in dem angeblich der beste Spargel sprießt. In Berlin muss es der aus Beelitz sein, in Mannheim Schwetzinger Spargel und hierzulande jener aus Opfingen. Merkwürdig nur, dass der Spargel, egal wo man ihn isst, ganz ähnlich schmeckt, nämlich ziemlich wässerig.
Szenenwechsel: Oberbergen im Kaiserstuhl, Dorfgasthaus Rebstock. Die Einrichtung ist eher rustikal, aber dafür der Spargel vom feinsten. Kann Spargel wirklich so intensiv nach Spargel schmecken?
Der Gast fragt die Bedienung, woher der Spargel komme, aus Italien? Die Antwort: Nein, unmittelbar aus der Region. Auf die erstaunte Frage, warum er dann einen so ungewohnt reichen Geschmack habe, erwidert sie lässig: "Sie essen kondomfreien Spargel." Das entgeisterte Gesicht des Gastes lässt sie erkennen, dass er nicht verstanden hat. Daher erklärt sie: "Unser Spargel wächst ohne Folie – wie zu Großmutters Zeiten." Dadurch wachse der Spargel langsamer, enthalte weniger Wasser und deutlich mehr Geschmacksstoffe aus dem Boden. Man fragt sich: Warum bekommt man diese Qualität nicht überall? Die Antwort: Wir haben Marktwirtschaft. Denn in ihr lautet eines der grundlegenden Gesetze: Es wird mittelfristig nur das angeboten, was auch nachgefragt wird. Ein weiteres lautet: Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Gerade die Entwicklung beim Spargel macht anschaulich, dass dies auch zu einer Verschlechterung der Qualität führen kann.
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In den vergangenen Jahrzehnten hat die Nachfrage nach Spargel stark zugenommen. Die Spargelbauern sahen darin eine lukrative Einnahmequelle und trachteten nach Produktionsausweitung. Das ist auf zweierlei Weise möglich: durch größere Anbauflächen und durch höheren Ertrag pro Quadratmeter. Und schon sind wir bei den schwarzen Folien: Unter ihnen wächst der Spargel schneller, so dass die Erntemenge steigt.
Hinzu kommt: Spargel muss gestochen werden, bevor die Spitzen das Tageslicht erblicken. Unter einer schwarzen Folie ist es so dunkel, dass es genügt, ihn einmal am Tag zu ernten. Ohne Folie dagegen muss der Bauer mehrmals am Tag aufs Feld. Dadurch verteuert sich das Produkt.
Ein Bauer, der Folienspargel anbaut, hat also einen doppelten Vorteil: Er kann nicht nur eine größere Menge verkaufen, sondern hat überdies auch noch geringere Kosten pro Spargelstange. Auch das ist wichtig. Denn im Wettbewerb um die Gunst des Verbrauchers hat derjenige einen Vorteil, der das gleiche Produkt zu einem niedrigeren Preis als sein Konkurrent anbieten kann.
Hier liegt der springende Punkt: Was ist das "gleiche" Produkt?
Was tun Sie, wenn Sie zwischen verschiedenen Anbietern wählen können und nicht wissen, ob oder wie stark sich ihre Produkte in der Qualität unterscheiden? Sie schauen auf den Preis. Gekauft wird das Produkt, das billiger ist.
Selbst wenn in der Anfangszeit des Folienspargels daneben auch noch natürlich gewachsener Spargel angeboten wurde: Wer kauft schon beide gleichzeitig und macht einen Geschmacksvergleich? Da dieser durchweg unterblieb – und man sich an das Geschmackserlebnis aus dem Vorjahr nicht recht erinnert –, fiel der Qualitätsverlust nicht auf. Wir schlitterten in ihn hinein, ohne es zu bemerken. Die Folge war: Immer mehr Verbraucher kauften den Folienspargel, weil er billiger ist. Die Nachfrage nach dem teureren Spargel ohne Folie ging immer weiter zurück. Dies führte dazu, dass auch diejenigen Spargelbauern, die bereit gewesen wären, ihn weiter anzubauen, veranlasst wurden, auf Folienspargel umzusatteln.
Letztlich also sind auch wir Verbraucher selbst dafür verantwortlich, dass wir fast überall faden Spargel vorgesetzt bekommen.
Was lässt sich tun? Fahren Sie in den Kaiserstuhl nach Oberbergen und überzeugen Sie sich. Vielleicht führt das Aha-Erlebnis dazu, dass Sie in anderen Restaurants und an den Spargelständen nach Spargel fragen, der nicht unter Folien, sondern natürlich herangewachsen ist. Vielleicht hilft das, die alte Geschmacks- und Qualitätskultur wiederzubeleben. Denn wenn Nachfrage vorhanden ist, kommt auch das Angebot – ohne "Kondom".
– Lüder Gerken ist Vorsitzender der Stiftung Ordnungspolitik und der Hayek-Stiftung.
