"Oma, was heißt jetzt des?"

Ulrike Derndinger

Von Ulrike Derndinger

Sa, 04. November 2017

Meißenheim

LAND UND LEUTE: Tamara Krämer sammelt Meißenheimer Dialektwörter und schreibt in ihrer Muttersprache kleine Geschichten.

MEISSENHEIM. Der Meißenheimer Dialekt hat eine junge Stimme. Tamara Krämer (44) sammelt Wörter, schreibt Geschichten und liest sie bei Festen wie dem Kulturabend zum Dorfjubiläum dem vergnügten Publikum vor. Ihr Anliegen ist es, den Dialekt zu pflegen, weil sie sich darin so stark zu Hause fühlt.

An das gemeinsame Ausrupfen der selbstgezogenen Tabaksetzlinge aus den "Gutschen", den ummauerten Gartenbeeten, kann sich Tamara Krämer gut erinnern. Während der Arbeit fragte sie ihre Großeltern, die eine Landwirtschaft hatten, über Dialektwörter aus: "Oma, was heißt jetzt des, was heißt jetzt sell?" Obwohl die Großeltern und Eltern ausgeprägt Dialekt gesprochen haben und sprechen, waren ihr als Kind immer wieder unbekannte Wörter begegnet. Oder solche, bei denen man überlegen musste, wie man sie richtig auf Hochdeutsch übersetzt. "Draasle" etwa, die Dinger, die zur Zierde an Kanapeelehnen hingen, heißen auf Hochdeutsch Quasten – ein Wort, das man im Meißenheimer Alltag nicht benutzt hat.

"Ich antworte dann:

Hajo, aase."

Tamara Krämers Lieblingswort
Irgendwann kam die Großmutter auf die Idee, die herausgefischten Wörter in ihr Kochbuch zu schreiben. Hinten, auf den leeren Seiten, als Rezept gegen das Vergessen. Die Wörter hat Tamara Krämer abgetippt. 300 Stück sind mittlerweile auf der Festplatte des Computers gespeichert. Es werden wohl noch mehr. Warum? "Ganz einfach", sagt Tamara Krämer. "D Muettersproch isch Heimat." Mehr noch als das Dorf selbst sei es die Sprache, in der sie sich daheim fühlt. Das Sammeln ist ihre Art, mit dem schwindenden Dialekt umzugehen. Mit der Generation ihrer Eltern und Großeltern, fürchtet sie, werden viele Wörter aussterben. "Das fänd’ ich halt schad!"

Eine Auswahl hat Gemeinderat und Festkommiteemitglied Heinz Schlecht in der kleinen Publikation "Mißne-Didsch" veröffentlicht und diese auf den Tischen am Jubiläumsabend im Oktober ausgelegt. Am Ende des Abends waren alle Exemplare eingesteckt in Hand- und Manteltaschen. Darüber freut sich Tamara Krämer. Wie sie sich auch über Rückmeldungen zu ihren Geschichten – "gerade von Jungen so um die zwanzig" – freut. Ihre Geschichte über die Grumbiere-Ernte etwa, bei der der Roder immer mal wieder eine Maus erwischt, die sie als Kind dann tot über den Fahrradlenker legte, amüsierte am Jubiläumsabend den ganzen Festsaal. Auch ihre Kinder Anna (11) und Sophie (6) gefallen die Geschichten. Während des Gesprächs erinnert die größere Tochter ihre Mutter, dass sie unbedingt auch noch die Geschichte von dem Ritt auf der Sau aufschreiben muss, bei der Tamara Krämers Mutter eine entflohene Sau stoppen wollte. Das Tier rannte zwischen ihren Beinen durch, blieb stecken – und die Mutter ritt auf der Sau davon. Die Geschichte wäre wohl ein guter Stoff für die Fasent. Seit ein paar Jahren macht Tamara Krämer beim Brauchtumsabend mit. Auch hier sagte sie sich: Wenn keine Jüngeren nachkommen, wird er einschlafen.

Der gelernten Industriekauffrau, die als Buchhalterin im Druckhaus Kaufmann in Lahr arbeitet, ist es wichtig, einen Beitrag zum Erhalt der Sprache und zur Gemeinschaft zu leisten. Das wird jedem klar, der der quirligen Frau begegnet. Man könnte ihr übrigens auch bei einer Blutspende über den Weg laufen. Seit 30 Jahren ist sie im Mitglied beim Roten Kreuz. Wer ihr begegnet, muss auf ihr Lieblingswort vorbereitet sein, das als Bestätigungswort hinter eine Feststellung gesetzt werden kann. Tamara Krämer gibt ein Beispiel: "Sagt einer: Ich find, mer sott meh Dialekt schwätze, antworte ich: Hajo, aase." Man kann wirklich sagen: Tamara Krämer hat ein großes Herz für den Dialekt – aase.