Autor Andreas Kirchgäßner hat zweites Jugendbuch geschrieben

Julius Steckmeister

Von Julius Steckmeister

Sa, 05. November 2016

Merdingen

„Traum-Pass“ heißt Kirchgäßners Buch, das kürzlich erschienen ist und die Geschichte des nigerianischen Teenagers Akono erzählt.

MERDINGEN. Dieser wird von einem dubiosen Fußballscout nach Europa geholt und bald wieder abgeschoben, kehrt aber über eine abenteuerliche Route nach Deutschland zurück und findet hier echte Freunde und die große Liebe. Platte Klischees versucht der Autor gar nicht erst aufkommen zu lassen – wobei ihm seine profunde Afrikakenntnis hilft.

Stoff für einen Roman böte auch Kirchgäßners Biografie. 1957 wurde er als Sohn eines Kunstmalers in Freiburg geboren, zog aber bald mit der Familie nach Remscheid und machte 1976 in Wuppertal Abitur. Zunächst lernte Kirchgäßner Landwirt. "Es war die Träumerei der Späthippie-Zeit – Selbstversorgung muss man lernen", blickt der Schriftsteller schmunzelnd zurück. Geschrieben habe er schon während der Schulzeit. Parallel zur Arbeit gab Kirchgäßner Zeitschriften heraus.

Von der Landwirtschaft verschlug es den Experimentierfreudigen über die Landwirtschaftsmaschinen in eine Maschinenschlosserlehre. Fünf Jahre später saß er mit seiner Frau in einem alten Bus auf dem Weg nach Afrika. Das Paar bereiste Nordafrika, durchquerte die Sahara und besuchte fast alle Länder Westafrikas. "Nach anderthalb Jahren kannte ich Afrika", sagt Kirchgäßner über die Reiseerlebnisse und Begegnungen. Allerdings war nach anderthalb Jahren das Geld alle.

In Togo hatte man dem Maschinenschlosser bereits einen Arbeitsplatz in der Entwicklungshilfe zugesagt, was aber letztlich daran scheiterte, dass Kirchgäßner der Meisterbrief fehlte. "Ich habe mich an Freiburg und Umgebung erinnert, und meine Schwester wohnte schon in Merdingen", sagt der Schriftsteller über seine Heimatfindung. Seit 22 Jahren ist er inzwischen am Tuniberg sesshaft.

"Eigentlich war ich zu feige für den Traum, vom Schreiben zu leben, aber dann wagte ich den Sprung ins kalte Wasser." Er schrieb Afrika-Essays, die er an Zeitungen verkaufte – mehr schlecht als recht. Eigene Erfahrungen mit der Bundesagentur für Arbeit waren es, die Kirchgäßner zum Drehbuch "Jobsharing" inspirierten. Dafür bekam er Fördermittel. Das machte Mut. Kirchgäßner, inzwischen Vater, schrieb sein erstes Kinderbuch. Und Kinderbücher bilden bis heute den Schwerpunkt seiner Tätigkeit. Er stellt sie in Schulen oft selber vor. Bis zu 150 Lesungen veranstaltet er im Jahr.

Über die Kinderbücher war er zum Thema Fußball gekommen – im Erstlesebuch "Fußballfreunde" kicken bereits die Freunde Ben und Armin um die Wette. "Ich wollte davon immer mal eine Fortsetzung schreiben. Nun sind die Kinder älter geworden und wälzen gewichtigere Probleme", beschreibt er "Traum-Pass".

Mit "Anazarah" hatte Kirchgäßner 2010 bereits ein Jugendbuch vorgelegt, das das Spannungsfeld Afrika und Europa thematisiert. "Es geht mir um die Begegnung mit dem anscheinend Fremden. Ich schreibe aber immer aus der Perspektive des Europäers, den äußere Umstände zu dieser Begegnung zwingen." In "Anazarah" schlägt sich eine 14-jährige Deutsche mit einem Beduinenjungen durch Marokko, in "Traum-Pass", das aus der Perspektive des Schülers Ben erzählt wird, das Fußballtalent Akono entlang einer abenteuerlichen Flüchtlingsroute zurück nach Deutschland. Dass dies so authentisch erzählt wird, liegt nicht zuletzt daran, dass Kirchgäßner fast jede Station von Akonos Reise selbst gesehen hat.

Dem fast 60-jährigen Autor gelingt es, sich in die Welt der Teenager und ihrer Sorgen und Nöte hinein zu versetzen. "Ich kann mich an all das noch ganz genau erinnern." Kirchgäßners Protagonisten haben auch Schwächen, an denen sie reifen dürfen. "Alle haben Dreck am Stecken und ihre liebenswerten Seiten. Akono ist schon mal ein ganz schöner Angeber", so der Autor über seine Figuren. Dass er seine in der Schublade ruhende Fußballscout-Geschichte mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik verknüpft hat, soll vor allem dazu beitragen "dem einzelnen Flüchtling ein Gesicht zu geben", betont der Schriftsteller, der im Merdinger Flüchtlingshelferkreis aktiv ist.

Traum-Pass, Andreas Kirchgäßner, Horlemann Verlag, ISBN: 978-3-89502-401-6, 11,90 Euro