Autor galt als Arbeitsverweigerer

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

Do, 20. Juli 2017

Merdingen

BZ-SERIE: Der Merdinger Andreas Kirchgäßner ist glücklich darüber, dass er seit einigen Jahren vom Schreiben leben kann.

MERDINGEN. In seinem neuen Jugendroman "Traum-Pass" greift Autor Andreas Kirchgäßner aus Merdingen ein hochaktuelles Thema auf. Akono, ein nigerianisches Fußballtalent, wird von einem zwielichtigen Fußballscout nach Europa gelockt, jedoch kaum dass er dort Fuß gefasst hat, wieder abgeschoben. Erneut macht er sich auf den gefährlichen Weg nach Deutschland, über Videos ist er mit seinen neuen Freunden verbunden. In manchen Schulen wird das Buch bereits als Klassenlektüre eingesetzt.

Auch Kirchgäßners erstes Jugendbuch "Anazarah", das soeben in dritter Auflage erschienen ist, spielt in Afrika, nämlich in der südmarokkanischen Wüste. Der Autor hat selbst schon mehrere Reisen nach Afrika unternommen, vieles von dem, was er in seinen Büchern verarbeitet, hat er selbst gesehen, erlebt oder er hat mit Augenzeugen gesprochen. "Ich habe den Fluchtweg von Akono von Nigeria über den Niger, wo er in Uranminen schuftete, zur Grenze nach Algerien selbst abgefahren und weiß, welchen Gefahren und welcher Gewalt die Flüchtlinge ausgesetzt sind. Natürlich habe ich auch viel recherchiert und mit Geflüchteten hier gesprochen", sagt er. Obwohl das Buch "Traum-Pass" nichts beschönige, erhalte er immer wieder begeisterte Rückmeldungen der Leser. "Erst vor drei Tagen habe ich eine Mail von Schülern bekommen, die nach der Fortsetzung fragten", sagt der Schriftsteller, der sich in seiner Heimatgemeinde Merdingen im Flüchtlings-Helferkreis engagiert.

Von seinen Reisen bringt Andreas Kirchgäßner nicht nur Stoff für seine Romane mit, sondern auch O-Töne und Musik, aus denen er Performances und Rundfunksendungen entwickelt. Seine Leidenschaft galt schon seit seiner Kindheit dem Schreiben. "Mir fielen immer schon Geschichten ein. Meiner Oma, die als Autorin für den Jugendfunk des Südwestfunks gearbeitet hatte, musste ich versprechen, dass ich später Schriftsteller werden würde", so der Autor.

Kirchgäßner wuchs in Remscheid auf, absolvierte zunächst eine landwirtschaftliche Lehre und eine Ausbildung zum Maschinenschlosser und verdiente seinen Lebensunterhalt als Lastwagenfahrer, Schlosser und Lagerarbeiter. Zwischenzeitlich war er auch immer wieder arbeitslos. Als junger Mann war er in der Hausbesetzerszene in Wuppertal und Remscheid aktiv, gründete die Untergrundzeitung "Anna" und veröffentlichte immer wieder Artikel in Zeitungen und Zeitschriften.

"Ich hatte mich eigentlich schon damit abgefunden, dass ich als Schriftsteller nur verhungern würde und lediglich als Nebenerwerbsschriftsteller überleben könnte", erinnert sich Andreas Kirchgäßner. Doch nach einer zweijährigen Afrikareise mit einem alten, selbst ausgebauten Bus, zusammen mit seiner Frau, war ihm klar, dass er versuchen musste, seinen Traum vom hauptberuflichen Schreiben zu verwirklichen. Mit seinem Umzug von Remscheid nach Merdingen im Jahr 1994 fiel die Entscheidung für das hauptberufliche Schriftsteller-Dasein.

Der Durchbruch gelang dem 59-Jährigen 1999 mit einer Zusage für eine Drehbuchförderung. Der Stoff: eine Liebeskomödie zwischen einer sehr ehrgeizigen Türkin und einem Arbeitsverweigerer.

Einem Arbeitsverweigerer, wie Kirchgäßner in den Augen seines Arbeitsvermittlers einer war, als dieser ihm sagte, dass er als Schriftsteller arbeiten wolle. Andreas Kirchgäßner nahm an Drehbuchcamps der ARD-ZDF Medienakademie teil, arbeitete eng mit dem damaligen Dozenten und SWR-Redakteur Thomas Lehner zusammen. "Als Lehner in Ruhestand ging, hat er mich dort zusammen mit meinem Kollegen als Nachfolger eingeführt. Ich kann sehr schnell und gut mit den Stoffen anderer umgehen", sagt der Schriftsteller.

"Ich hatte mich eigentlich schon damit abgefunden, dass ich als Schriftsteller

nur verhungern würde."

Andreas Kirchgäßner
Zehn Jahre lang war die Dozententätigkeit beim Drehbuchcamp ein wichtiges Standbein für Andreas Kirchgäßner. Seit der Schließung der Medienakademie führt Kirchgäßner die Kurse als Storycamps im Studienhaus Wiesneck in Buchenbach und an der Universität Stuttgart im Rahmen des Studium Generale selbst durch. Ein weiteres Standbein ist die dramaturgische Beratung von Kollegen für Filme und Romane.

2003 schrieb der Autor das erste Kinderbuch, weitere vier kamen dazu, auch ein Erwachsenen-Roman. In der Region bekannt ist Andreas Kirchgäßner auch durch seine Schreibwerkstätten an Schulen. Lesereisen führen ihn durch ganz Deutschland und in die Schweiz. Fortlaufend unterrichtet der Schriftsteller am Breisacher Martin-Schongauer-Gymnasium das Zusatzangebot "Spannende Geschichten", das großen Zulauf erfährt und von den Eltern, dem Förderverein der Schule, der Sparkasse Staufen-Breisach und dem Friedrich-Bödecker-Kreis für Leseförderung und Literaturvermittlung gefördert wird. "Meine wichtigste Lebensgrundlage sind Lesungen in Schulen und Bibliotheken. 2016 habe ich etwa 150 Lesungen gemacht, das war ein richtig gutes Jahr", so der Autor. "In jeder der vielen Lesungen an Grundschulen erfinde ich heute mit den Kindern aus dem Stegreif Anfänge von Geschichten, die die Kinder zu Hause weiterschreiben und mir zuschicken können. So kann ich nicht nur mein Geschichten-Erfinder-Potenzial nutzen, sondern sorge auch dafür, dass jede Lesung anders wird."

Das Buch: Andreas Kirchgäßner: Traum-Pass. Horlemann Verlag 2016. ISBN 3895024015. 248 Seiten. Das Taschenbuch kostet 11,90 Euro. Empfohlen wird es für 14- bis 17-jährige Leser.