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08. Oktober 2010

Der Selfmademan vom Tuniberg

Michael "Mike" Schäfer stellt in Merdingen seine erste CD vor.

  1. In seinem Element: der Musikpoet Michael Schäfer. Foto: oswald prucker

MERDINGEN. Sieht man im Tunibergdorf Merdingen einen Mofa-Fahrer, bewaffnet mit Gitarre und Notenrucksack durch die Straßen fahren, dann weiß jeder im Dorf, der "Mike" ist auf dem Weg zu seiner Arbeit. Alteingesessene sagen immer noch "de Schulz", so wie Michael Schäfer einst mit "Mädchennamen" hieß. Aus dem jugendlichen Musikfreak ist ein auf Mitte 50 zusteuernder Familienvater – der den Nachnamen seiner Frau annahm – und frei schaffender Musiklehrer geworden. Aber wenn Jugend für Neugier und Lust am Neuen und Ausprobieren steht, dann steckt in Mike Schaefer – so sein Name in der Künstlerversion – immer noch ganz viel von dem jungen Burschen, der einst in den 70ern mit Gleichgesinnten dem Musikmachen frönte.

Heute hat er aktuell 21 Schüler und Schülerinnen in Merdingen und Ihringen. Denen bringt er nicht nur Instrumente bei, sondern auch den Mut, den jeweils eigenen Zugang, die eigene Kreativität im Umgang mit Musik und Rhythmik entdecken zu wollen. Wohin er selbst auf seinem musikalischen Weg überall gekommen ist, davon gibt jetzt eine CD Zeugnis, unter dem Titel "Forever Young". Sie stellt er, in einem Livekonzert mit weiteren Wegbegleitern und Musikern, am Samstagabend im Merdinger Bürgersaal vor. Dann wird auch Peter Schad dabei sein, mit Bratsche und Geige, ein Weggefährte aus Studentenzeiten, der ihn, wie Michael Schäfer betont, maßgeblich dazu ermuntert habe, die CD-Produktion zu wagen. Abgemischt wurden die insgesamt elf Stücke allesamt im Bollschweiler Studio F von Friedemann Witecka. Die professionelle Technik, so lobt Schäfer, gab ihm die Chance, die jeweils von ihm selbst gespielten Instrumentenanteile und gesungenen oder gesprochenen Texte zu komplexen Einzeltiteln zusammenzufügen. Ideale Bedingungen für einen Selfmademan, der einst als Bub im Merdinger Akkordeonverein anfing, dann auch zur Gitarre griff, später drei Jahre Saxophonunterricht nahm, sich nebenbei auch Klavier und Keyboard beibrachte und dann mit großer Begeisterung das weite Feld Percussions- und Schlaginstrumente erkundete, bis hin zum Umgang mit Computermusik.

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Texte und Lieder mit Nähe und Distanz zur Heimat zugleich

Er habe, so sagt Michael Schäfer, "auf diesem linkshändigen Musikausbildungsweg viele Erfahrungen gemacht, aber auch viel Lehrgeld bezahlt". Die Musik sei dabei nie alles gewesen. Seine Interessen seien sogar mehr literarisch. Literatur war Schwerpunkt seines Studiums der Anglistik und der Germanistik. Das spiegelt ein Gutteil der Texte seiner CD wieder, darunter die Vertonungen je eines Gedichts von Gottfried Benn und des englischen Lyrikers Wilfred Owen, aber auch ein eigener, in Englisch verfasster Liedtext über Ernst Jünger. Auch ein Liebeslied hat Schäfer in dieser Sprache verfasst, in der er einst auch als Lehrer ein Jahr in Schottland gearbeitet hatte.

Vor über eineinhalb Jahrzehnten ist Schäfers Familie wieder in sein Heimatort am Tuniberg gezogen. Ihm hat er mit "Alti Schtroß" auf Merdingerisch eine Liebeserklärung gedichtet, zum Sound von John Denvers "Country Roads". Mit "Sweet Home Alabama" hat er einen zweiten Ohrwurm auf Alemannisch umgedichtet, aber als ein Plädoyer gegen jede heimattümelnde Borniertheit. "Die will ich mit meinen Texten und Liedern herausprügeln", meint Schäfer.

Überhaupt Heimat: Der wieder heimgekehrte Globetrotter pflegt zu ihr eine jeder idyllischen Verklärung abholde Nähe und Distanz zugleich. "Fremde Heimat – Zuhause in Merdingen" lautete denn auch der Titel der literarischen Matinée, die Michael Schäfer am vergangenen Sonntag, zum Abschluss des Jubiläums des Merdinger Kunstforums, federführend veranstaltet hatte. Vielleicht ist es ja gerade diese Spannung zwischen Zugereisten und Ureinwohnern, zwischen neuen Ideen und altem Beharren, die in Merdingen mehr spürbar ist als anderswo und aus der eine unkonventionelle Natur wie Michael Schäfer immer wieder Energie ziehen kann.

Info: Mike Schaefer & Friends, Konzert zur CD-Taufe von "Forever Young", Bürgersaal beim Rathaus Merdingen, Samstag, 9. Oktober, 20 Uhr, mit Bewirtung des Merdinger Kunstforums, Eintritt frei.

Autor: Manfred Frietsch